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Ich bekomme eine Abmahnung vom Chefarzt

Als ich am Montag in die Klinik kam, hatte die Stationsschwester schon auf mich gewartet. Ich sollte zusammen mit meinem Mann zum Chefarzt kommen, es gäbe etwas zu besprechen.

Ich bekam gleich Bauchschmerzen, denn ganz selten ging die Initiative für ein Gespräch von den Ärzten aus, meist habe ich darum gebeten. Hoffentlich gibt es nicht wieder eine Hiobsbotschaft!

Jedoch es kam aus einer ganz anderen Richtung. Jemand von dem Personal hatte gesehen, wie ich Ludwig im Café etwas in den Mund geschoben habe und das auf Station gemeldet. Ich wurde belehrt, dass ich das zu unterlassen hätte, denn es können Speisereste in die Lunge geraten und zu einer Lungenentzündung führen, was sehr gefährlich ist und sogar zum Tod führen kann. Selbst als ich mich verteidigte und sagte, es sei nur Schlagsahne gewesen, würde das egal sein. Als Warnung wurde uns mitgeteilt, dass es schon Fälle gegeben habe, in denen die Patienten die Klinik verlassen mussten, weil die Angehörigen zu unvernünftig waren. Das klang nach Drohung. Ich war ziemlich zerknirscht.

Ansonsten ging in dieser Woche der Klinikaufenthalt für Ludwig weiter. Wenn ich abends zu ihm kam, waren die Therapien schon abgeschlossen. Aus Ludwig was rauszubekommen, war einfach sehr schwierig. Eines Tages kam es zu einem neuerlichen Eklat wegen Ludwigs Esserei. Herr Müller, Ludwigs Bettnachbar, erzählte mir, dass er Ludwig ein Stück Schokolade in die Hand gegeben hat. Ludwig hat versucht, es zum Mund zu führen, was natürlich nicht geklappt hat. Alles war beschmiert, Ludwigs Gesicht, der Rollstuhl, der Nachtschrank.

Es gab ein Riesendonnerwetter von der Stationsschwester und alle beide wurden ausgemeckert. Herrn Müller wurde bei Strafe verboten, Ludwig was zu Essen zu geben.

Der arme Ludwig, er tat mir sehr leid, er wurde zwar über die Sonde ernährt, aber der Genuss des Essens, den hatte er nicht. Aber wie immer, er war tapfer und jammerte nicht.

Mich wurmte allmählich, dass sich nichts tat in Bezug auf die neue Magensonde, die PEG. Die Frau Doktor bekam ich nicht zu Gesicht und das Personal versteckte sich immer hinter der Antwort, das wissen wir nicht, da müssen Sie die Frau Doktor fragen. Aber wie denn, wenn sie nie da ist. Tagsüber telefonisch war auch nicht möglich.

Mir ging es darum, ob denn wenigstens schon ein OP-Termin für das Verlegen der Sonde anberaumt war. Das alleine schien schon problematisch zu sein. Nun versuchte ich es schriftlich, indem ich einen kurzen Brief an die Ärztin schrieb. Den durfte ich in ihr Postfach legen. Wenn man aber nun denkt, dass die Antwort postwendend kommt, hat man sich mal wieder geirrt. Warten, warten, warten – wie immer.

Herr Müller erzählte mir, dass ein neuer Doktor kommen wird, Herr Dr. Rata, ein Afghane. Das war ganz lustig, wir mussten schmunzeln, denn wir hatten alle Drei die Assoziation zu der Hunderasse. Na, da sind wir aber gespannt, vielleicht hat er etwas mehr Zeit für uns.

Jetzt stand erstmal wieder das Wochenende bevor und da läuft ja sowieso nichts von Bedeutung.

Mittlerweile rückte Weihnachten immer näher. Heute war schon Samstag, der 16. Dezember 1995. Da ich noch Resturlaub hatte, war am 19. Dezember 1995 mein letzter Arbeitstag in meiner alten Firma.

Mit doch etwas gemischten Gefühlen fuhr ich früh zum letzten Mal zur Arbeit. Meinen Nachfolger hatte ich so gut wie möglich eingearbeitet, wir würden telefonieren, wenn Fragen aufkommen. Ich packte meine persönlichen Dinge, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten, in einen Karton und dann kam der Abschied von meinen Kollegen, vor dem ich die ganze Zeit schon Angst gehabt hatte. Die Tränen flossen auf beiden Seiten reichlich und sogar mein Chef, der doch ein ziemlich introvertierter Mensch war, zeigte Abschiedsschmerz. Von ihm verabschiedete ich mich nochmal gesondert, denn er hatte mich damals aus der Arbeitslosigkeit gerettet, was ich ihm nie vergessen werde.

Ich bekam von meinen Kollegen eine goldfarbene Blumenvase, die habe ich heute noch und einen Riesenblumenstrauß, geschmückt mit Geldschein-»Blüten« im Werte von 300 DM. Und eine Karte mit allen Unterschriften. Dann gab ich noch meinen Ausstand mit belegten Brötchen.

Damit war ein weiteres Kapitel in meinem Arbeitsleben Geschichte. Man sagt ja immer, was man hat, das weiß man und was man bekommt, das ist ungewiß. So ging es mir natürlich auch. Ich ließ eine interessante und vielseitige, wenn auch oft stressige Arbeit und tolle Kollegen, die mich die ganze Zeit in meinem Kummer unterstützt hatten, hinter mir.

Was würde auf mich zukommen? Neue Arbeit und neue Kollegen, ein wunderschönes, aber noch ganz leeres Haus, in dem es noch nicht mal Fernseh­anschluss gab und mein kranker Ludwig, der an erster Stelle stand. Wie soll ich das bloß alles schaffen? Irgendwie wird es schon gehen …

Dann fuhr ich mit tränenverschleiertem Blick zum letzten Mal vom Parkplatz und meine Kollegen winkten mir nach.

Damals liefen im Radio ständig die Titel »Fairground« von Simply Red und »Missing« von Everything but the Girl. Auch heute noch, wenn ich diese Musik höre, denke ich an den Abschied von damals. Es ist mir so, als ob es gerade eben war.

Jetzt nochmal kurz in unsere Wohnung in Seestadt, ich musste mir ein paar Sachen holen.

Ich hatte vor, bis zum Neuen Jahr bei Familie Friedrich zu wohnen und die Tage mit Ludwig zu verbringen. In der Klinik ist es bestimmt langweilig, denn an den Feiertagen finden keine Therapien statt. Es war geplant, dass Dirk auch zu Besuch kommt. Wir hatten viel zu besprechen, denn wir mussten allmählich den Umzug von Seestadt nach Dorftal vorbereiten.

Als ich in Bad Welenhausen ankam, brachte ich erstmal meine Sachen zu Familie Friedrich. Ich hatte nun bis zum 31. Januar 1996, also insgesamt fast sechs Wochen vor mir, ohne das lästige Fahren.

Wie würde es bei Ludwig weitergehen? Keine Ahnung, was ist, wenn er bald entlassen wird und ich bekomme ihn so nach Hause? Dann könnte ich überhaupt nicht arbeiten gehen. Von was sollten wir dann leben? Bloß nicht weiter nachdenken.

Als ich in der Klinik ankam, erwartete mich aber doch noch eine angenehme Neuigkeit. Der Termin für Ludwigs OP zum Legen der PEG stand fest. Er war auf den 4. Januar 1996 datiert. Na, wenigstens was und ich freute mich sehr darauf, erstens, wie Ludwig ohne die Nasensonde aussehen würde und zweitens, dass es nun einfacher wird, ihn zu ernähren. Soviel wusste ich schon, man kann die Nahrung auch im Sitzen verabreichen. Der Patient muss nicht unbedingt ins Bett. Ich fragte, ob ich zu der OP mitfahren dürfte. Durfte ich. Na dann, Vorfreude ist die schönste Freude!

Damit neigte sich dieser ereignisreiche Tag seinem Ende. Abends leistete ich mir ein Essen beim Griechen und ein Glas Retsina, den Ludwig so mochte. Ich eigentlich nicht, denn der schmeckt immer ein bisschen wie von schlechten Trauben. Aber das ist ja das Besondere daran.

Morgen, am 20. Dezember 1995, hatte Ludwig das letzte Mal vor Weihnachten Therapien und ich konnte den ganzen Tag dabeisein. Mal sehen, was es Neues gibt.

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