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Die Nahrungsaufnahme und alles, was damit im Zusammenhang steht, ist allgegenwärtig im täglichen Pflegeablauf und ein  immer vorherrschendes Thema. Der Patient muß ernährt werden, koste es, was es wolle….

4xam Tag schicken wir uns an, die erforderlichen Mengen Nahrung zu verabreichen.

Dabei geht es um eine Kombination von oraler Ernährung und Sondennahrung.

Fangen wir mit der oralen Ernährung an:

Die Problematik dabei ist einerseits die fehlende Mundmotorik- Kauen, Schlucken- sowie die Tatsache, daß Ludwig, wenn überhaupt,  nicht allein essen kann. Hinzu kommt, dass er sich ständig verschluckt, und hustet, prustet und niest, sodaß man ständig damit beschäftigt irgendetwas wegzuwischen. Die Fälle, wo Spinat an der Decke, der Heizung oder am Fenster klebt, sind nicht selten.

Beim Husten bäumt sich Ludwig auf, weil er seinen Körper nicht in der Gewalt hat, sodaß man fürchten muß, dass er aus dem Rollstuhl rutscht. Das wäre fatal, denn ich würde ihn nicht wieder hochkriegen und müßte Hilfe holen.

Deshalb die erste Aktion-wir binden die Füße mit einem Gummigürtel am Rollstuhl fest. Keine Angst, das ist kein Fesseln, und Ludwig höchstselbst ist damit einverstanden. Damit ist schon mal das Rausrutschen aus dem Rollstuhl verhindert.

Nahrungsaufnahme 005

Nun fahren wir mit dem Rollstuhl an den Esstisch. Weil wirklich viel danebengeht, muß Ludwig „verhüllt“ werden.

Dazu lege ich mir vorher einige Tücher bereit:

2 große Handtücher, 2 Gästetücher, ein Lätzchen und einen Stapel abgerissene Küchenrolle

Nahrungsaufnahme 001

Als erstes wird das Lätzchen umgebunden. Darüber kommt ein Handtuch. Das Lätzchen allein geht nicht, weil alles, was danebengeht, herunterlaufen und die Kleidung verschmutzen würde. Das Handtuch saugt alles auf. Warum wir dann noch ein zweites Handtuch brauchen, dazu komme ich noch.
Ludwig wird mit dem Rollstuhl an denTisch geschoben, sodaß er ein „Essgefühl“entwickeln kann. Auf den Platz, an dem er mit seinem Rollstuhl dann steht, kommt ein Platzdeckchen. Darauf stelle ich die Teller bzw. die Gläser ab. Es ist abwaschbar.

Wir müssen unsere Kräfte einteilen. Morgens nach dem Aufstehen hat Ludwig noch am meisten Kraft, in der Regel. Deshalb versuche ich, ihm zum Frühstück etwas Kräftiges zu geben. Aber das auch nicht immer. Hauptsache, möglichst viel. Das kann Puding, Grießbrei, püriertes Brot, pürierte Eierkuchen oder ähnliches sein. Selbst vor einem pürierten Mittagessen am Morgen schrecken wir nicht zurück. Was „drin ist“, ist „drin“.

Stichwort pürieren: Ludwig kann nichts essen, was etwa noch feste Bestandteile enthält, auch wenn sie noch so klein sind. Alles muß in der Konsistenz cremig sein. Mittlerweile püriere ich alles, nur gebratene Leber nicht. Das habe ich einmal gemacht, dabei wurde mir von dem Geruch fast schlecht.

Zu pürieren nehme ich einen Pürierstab, und einen hohen  Becher.

Pürieraufsatz

Pürietstab

Rührbecher

Anfangs habe ich von einem Gericht alle Bestandteile gesondert püriert, nachdem Ludwig aber durch die verschiedenen Konsistenzen durcheinander gekommen ist, kommt alles in „einen Topf“. Meist muß man das Ganze dann noch mit etwas Wasser verdünnen.

Wir verwenden das Essen auf Rädern, selber koche ich schon lange nicht mehr. Weder für Ludwig, aber auch nicht für mich. Die Zeiten , zu denen man gemeinsame Mahlzeiten einnimmt, sind vorbei.

Nun gebe ich Ludwig das Essen in den Mund, also ich „füttere “ ihn. Aber so ohne ist das auch nicht. Manchmal schluckt er nicht, manchmal hustet er andauernd, oder er niest. Wenn wir Glück haben, kriegen wir alles runter. Wenn wir Pech haben, denke ich: ein Glück, wir haben ja noch die Sondennahrung.

Alles, was ausgespuckt wird, fange ich mit der Küchenrolle auf, ein großer Teil kleckert dann auf das umgebundene Handtuch. Das trieft dann manchmal ganz schön.

Nachdem wir fertig sind, wird noch etwas getrunken. Das geht am schlechtesten. Dazu verwende ich die oben erwähnten Gästetücher zum Unterhalten.

Nun muß der Mund geputzt werden (siehe Beitrag Mundhygiene). Dazu geht es ab mit dem Rollstuhl ins Bad. Damit aber nichts von dem beschmutzten Handtuch kleckert auf dem Weg zum Bad, binde ich Ludwig ein frisches Handtuch um. Jetzt kommt also das eingangs erwähnte 2. Handtuch zum Einsatz. Alle Handtücher werden vorgespült und eingeweicht für die Wäsche am nächsten Tag.

Damit ist die orale Nahrungsaufnahme erledigt. Oral essen wir früh, am Nachmittag zum Kaffee und abends.

Sondenernährung

Wer glaubt, dass es problemlos geht, die Sondennahrung zu verabreichen, der irrt. Zunächst erstmal: In unserem Buch hatten wir ja über die Magensonde berichtet. Anfangs war sie wichtig, weil Ludwig nicht essen konnte. Als wir uns das Essen selbst erarbeitet hatten, wollte keiner die Sonde entfernen, und viele Monate war sie uns im Weg. Bis sich endlich die Tagesklinik getraut hat, sie entfernen zu lassen. Nun, nach 14 Jahren sind wir wieder auf die Sonde angewiesen. Im April 2013 haben wir sie dann legen lassen.

Kurze Erklärung, wie eine Magensonde, eine sog. PEG, die Ludwig hat, funktioniert:

PEG  heißt „perkutane endoskopische Gastrostomie“ und ist ein endoskopisch angelegter künstlicher Zugang von außen zum Magen. Der verläuft auf dem kürzesten, nicht natürlich angelegten Weg durch die Haut, die Bauchwand und die Magenwand. Die eigentliche Sonde ist ein elastischer Kunststoffschlauch, der mittels eines operativen Eingriffs unter Narkose in den Magen gelegt wird. Aus dem Bauch kommt dann das Schlauchende heraus und daran ist  ein Verbindungsstück für den Anschluss der Flüssignahrung. Das ganze ist mit einem speziellem Zugentlastungspflaster auf dem Bauch befestigt.

Hier mal ein Foto von Ludwigs Sonde, abgedeckt mit dem Verband. Dieser wird 2xdie Woche gewechselt.

PEG

Als Nahrung kommt spezielle Sondenkost zum Einsatz. Die Nahrung kann über einen Tropf, aber auch mit einer speziellen Spritze über den Schlauchanschluss in den Magen gebracht werden.

Wir haben uns für die Spritze entschieden, das nennt man „Bolusapplikation“

Spritzen

Die Kosten für die Sondennahrung werden von der Krankenkasse getragen.Ebenso das Verbandmaterial für die Sonde sowie die Spritzen.

Ludwig bekommt als Flüssignahrung hochkalorische, energiereiche Kost, 1 ml bringt 1,5 kcal . In der Nahrung sind alle wichtigen Bestandteile, die der Körper braucht, enthalten. Zusätzlich zu der Flüssignahrung bekommen wir noch eine hochkalorische Creme, ähnlich einer Mischung aus Pudding und Joghurt, besonders gut zum Schlucken.

Kommen wir zu den Mengen und der Verabreichung. Eingangs hatte ich ja erzählt, dass auch die Gabe von Sondnenahrung nicht problemlos ist. Entweder kann der Patient sie nicht vertragen, er bekommt Durchfall, Schluckauf oder er erbricht sich. Oder er hustet. Die Mengen und die Art der Nahrung, die Zeitabstände für das Verabreichen, alles muß man probieren, bis es klappt. Bei uns hat das schon einige Monate in Anspruch genommen. Und es heißt, das, was normal gegessen werden kann, hat immer Vorrang. Ja, wenn man denn kann….

Wir verabreichen die Nahrung entweder im Sitzen oder liegend. Dabei muß der Oberkörper mindestens 30 ° hochgelagert sein. Bei Ludwig reicht das nicht aus, wir müssen höher, ansonsten läuft die Nahrung sofort zurück, und es kommt zu Hustenanfällen.

Ludwig bei seiner Körpergröße und seinem Gewicht von 70 kg benötigt am Tag ca. 1500 kcal. Die Sondennahrung ist zwar hochkalorisch, aber man muß immer ein bißchen rechnen, um die Mengen zusammenzubekommen. Das Verabreichen mit der Spritze ist, wenn man alles probiert hat, wie es am besten geht,   eigentlich sehr unspektakulär. Das Wasser läuft von allein, das schüttet man nur in die Spritze hinein, es heißt, der Magen nimmt sich das selber. Aber wehe, Ludwig bekommt einen Hustenanfall ! Dann muß man geistesgegenwärtig ganz schnell die Klemme schließen, denn ansonsten kommt der Mageninhalt hochgeschossen, und alles ist naß. Die Nahrung ist etwas dickflüssiger als das Wasser, und wird mit also mit leichtem Druck appliziert. Nur nicht ganz langsam und vorsichtig, ansonsten wird man sofort durch Husten und Schluckauf bestraft !!

Wir haben uns entschieden, die Mittagsmahlzeit durch Sondennahrung zu ersetzen und verbinden dies mit der Mitagsruhe. Gegen 11.00 Uhr wird Ludwig ins Bett gelegt, und es gibt die „erste Rate“. 250 ml und etwas Wasser zum Spülen. Nach einer Stunde dann die zweite Rate, wieder 250 ml. Das sind dann 500 ml und damit immerhin schon 750 kcal. Wasser geben wir 4xam Tag je 300 ml, früh um 3.00, wenn ich aufstehe, zum Frühstück, am Nachmittag nach dem Kaffeetrinken und nochmal abends. Das sind dann 1,2 l, die Sondennahrung enthält auch nochmal 70% Wasser.

Ja, und so hangeln wir uns mit der Ernährung durch jeden Tag, sehr oft wird die Regelung aber auch durch Unwägbarkeiten, z.B. Unpäßlichkeit von Ludwig, über Bord geworfen. Dann heißt es, Kalorien rechnen und sehen, wie wir sie in den Magen hinein kriegen…

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