Schlagwörter

, , , ,

Danke, Norbert Blüm, für die Pflegeversicherung

Damals waren wir in keiner Weise darüber informiert, was es mit der Pflegeversicherung und ambulanten Pflegediensten so auf sich hat. Im Jahre 1995 hatte Norbert Blüm, damals Sozialminister, die Pflegeversicherung gegen viel Widerstand in der Politik durchgeboxt. Als Bürger, der keine gesundheitlichen Probleme hat und auch keine pflegebedürftigen Angehörigen, regt einen das ja auf, wenn man auf einmal wieder einen neuen Beitrag vom monatlichen Gehalt zu entrichten hat …

Nun wurde es also für uns konkret und ich musste mich intensiv damit auseinandersetzen. Alle wissen ein bisschen, aber keiner etwas so genau, dass man es alltagstauglich umsetzen kann. Bis dahin ist es meist ein weiter Weg. Den hatte ich jetzt zu gehen und ich brauchte Hilfe. Aber wer kann einem dabei helfen, wenn man am Anfang steht? Computer und Internet hatten wir in unserem Haus damals noch nicht. Die Mitarbeiter der Tagesklinik gaben mir eine Broschüre, wo das Wichtigste drinstand. Und dann ging ich noch zum Gemeindeamt in Dorftal, dort bekam ich auch ein Merkblatt. Man darf nicht vergessen, dass die Pflegeversicherung damals ja noch in den Kinderschuhen steckte …

Jedenfalls gibt es eine sogenannte Pflegebedürftigkeit des Patienten, die richtet sich nach dem Zeitbedarf, der für die Pflege aufgewendet wird und die dafür erforderlichen Tätigkeiten sind katalogisiert. In Abhängigkeit von dem Zeitaufwand erfolgt die Einordnung in Pflegestufe I, II oder III. Die Entscheidung darüber fällt der MDK, der Medizinische Dienst der Krankenkassen, anlässlich eines Hausbesuches. Das in diesem Zusammenhang erstellte Gutachten war damals dem Patienten und seinen Angehörigen nicht zugängig, sozusagen eine »Black Box«. Heute kann man es anfordern, zum Glück. Die Leistungen, die man dann in Abhängigkeit von der festgelegten Pflegestufe bekommt, gliedern sich in drei Varianten auf.

Bei häuslicher Pflege sind es Pflegegeldzahlungen, sozusagen monatliche Geldleistungen für private Pflegepersonen, beispielsweise durch Angehörige, dann gibt es die Pflegesachleistungen, wenn ein vom Pflegebedürftigen ausgesuchter ambulanter Pflegedienst zur Pflege ins Haus kommt. Als Drittes kann man die sogenannte Kombinationsleistung aus beiden Varianten wählen. Also, die Angehörigen übernehmen einen Teil der Pflege und ein ambulanter Pflegedienst hilft mit. Das Geld wird aufgeteilt.

Die Kombinationsleistung schien mir für uns am günstigsten zu sein. Damit das alles in die Wege geleitet werden kann, muss man erstmal einen formlosen Antrag an die Krankenkasse stellen. Geschrieben habe ich den mit dem PC auf der Arbeit, allerdings mit Einverständnis meines Chefs. Solange sich solche Privataktionen in Grenzen hielten, war das für ihn in Ordnung.

Wir bekamen einen Termin für einen Hausbesuch und der war am Montag, dem 16. August 1996. Bedeutete für mich einen Tag Urlaub und Ludwig konnte natürlich auch nicht in die Tagesklinik. Es kam eine Mitarbeiterin des MDK, die war auch sehr nett. Ludwig musste abwechselnd die Beine anheben, die Arme vorstrecken, wobei das mit dem linken Arm ja nicht ging und kurz von seinem Stuhl aufstehen. Obwohl er das sonst so einigermaßen konnte, musste ich ihm dabei helfen. Es war wohl die Aufregung. Das wars dann und die Mitarbeiterin verabschiedete sich. In den nächsten Tagen bekamen wir von der KK ein Schrei­ben, dass Ludwig in die Pflegestufe I eingeordnet worden war. Damit war der Weg frei, sich einen ambulanten Pflegedienst zu suchen. Wie schon gesagt, damals waren die ambulanten Pflegedienste noch nicht so dicht gesät, später dann schossen sie wie Pilze aus dem Boden. Der Anteil an pflegebedürftigen Personen in der Gesellschaft ist groß.

Wir landeten dann bei einem Pflegedienst, der in Schlossberg ansässig war. Die Chefin, Frau Friedrich, kam zu uns nach Hause und beriet uns zu unserem Pflegeaufwand.

Der Schwerpunkt der pflegerischen Tätigkeit lag in der Morgentoilette, so heißt das im Fachjargon. Während ich zur Arbeit musste, kommt der Pflegedienst ins Haus und hilft Ludwig beim Waschen und Anziehen. O.K., das brauchten wir auf jeden Fall. Dann Frühstück. Das müsste ich alles vorbereiten und der Pflegedienst hilft Ludwig dann auch beim Essen. Dann könnte Ludwig bis zum Mittagessen alleine bleiben, das mit der Toilette kriegte er schon einigermaßen selber hin, obwohl ich immer Schiss hatte, dass er eventuell dabei umfällt. Hier war es wieder: »No Risk, no Fun«. Also, Augen zu und durch. Bis zum Mittagessen müsste er allein sein. Ja, was soll er in der Zeit machen, er konnte ja hauptsächlich nur auf dem Sofa sitzen und warten. Das gehört aber nicht zum Pflegeumfang, sondern ist Betreuung. Dafür gab es damals aber noch keine Regelungen. Na gut, dann also erstmal Sofa. Wir haben dann ja auch noch die Therapien im Hausbesuch.

Zum Mittagessen, das ich auch vorbereiten müsste, käme dann wieder der Pflegedienst. Den Rest des Tages, bis 17.00 Uhr wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, wäre Ludwig dann wieder alleine. Frau Friedrich zählte die für die festgelegten Pflegetätigkeiten erforderlichen Minuten zusammen und es kam weit mehr Zeit heraus, als in Pflegestufe I zur Verfügung stand. Den fehlenden Betrag müssen wir bezahlen. Und ich müsste bei der Krankenkasse einen Widerspruch einlegen, denn der Pflegebedarf ist weitaus höher, als festgestellt.

Wenn ich den Besuch der MDK-Mitarbeiterin Revue passieren lasse, so hat sie ja gar nicht gesehen, was Ludwig alles nicht kann. Er saß ja nur auf dem Stuhl und musste Arme und Beine anheben … Nun hatte ich mal wieder einen Widerspruch zu formulieren. Darin bin ich mittlerweile Weltmeister geworden, aber damals hatte ich keinen blassen Schimmer. Also formulierte ich auf Anraten von Frau Friedrich den Widerspruch mit der Begründung, dass die Zeit viel zu knapp bemessen gewesen war. Das hatte zur Folge, dass erneut ein Besuch des MDK erforderlich war. Wieder ein Tag Urlaub. Aber uns wurde die Pflegestufe II zuerkannt, welch ein Glück. Wir brauchten nichts dazu bezahlen.

Am 7. Oktober 1996 unterzeichneten wir den Pflegevertrag. Es konnte losgehen. Und am 15. Oktober 1996 fuhr Ludwig zum ersten Mal nicht in die Tagesklinik. Ich blieb auch zu Hause, wieder ein Tag Urlaub, damit wir alles einmal durchspielen konnten. Frau Friedrich hatte für uns extra eine neue Mitarbeiterin eingestellt, die wohnte gleich um die Ecke. Es klappte alles ganz gut.

Am nächsten Tag fuhr Ludwig wieder in die Tagesklinik. Und so ging es weiter, bis wir dann, als Ludwig am 13. November endgültig nach Hause kam, den Pflegedienst täglich in Anspruch nahmen.

Also, danke lieber Norbert Blüm, ohne Sie und Ihre Pflegeversicherung hätten wir das so nicht organisieren können. Seit dem Oktober 1996 war Ludwig nun offiziell pflegebedürftig.

Advertisements