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Diese Nachricht hat alle Menschen berührt, und die Anteilnahme ist groß.

Wann er wirklich aus dem Koma aufgewacht ist, und wie es um ihn steht, wie seine Reha anläuft, und wie es der Familie dabei geht, das wird die Öffentlichkeit jedoch nicht erfahren. So ist das eben, wenn man so prominent wie Michael Schumacher ist, und er trotzdem Anspruch auf seine Privatsphäre hat.

Wie es uns damals ging, als Ludwig nach seinem 4-wöchigen Koma aufgewacht ist, habe ich in meinem Buch berichtet. Nachstehend das Kapitel zum Nachlesen.

 

Am 26. Oktober 1995 ist Ludwig  aus dem Koma aufgewacht

Der 26. Oktober 1995 war ein Donnerstag. Nach einem anstrengendem Arbeitstag fuhr ich wie immer nach Georgenstadt in die Klinik. Was würde mich heute erwarten?

Als ich auf dem Weg vom Parkhaus auf die Intensivstation war, kam mir Kai entgegengelaufen. »Frau Pohl, jetzt aber schnell. Ihr Mann ist aufgewacht. Haben Sie die Brille?« Klar hatte ich die Brille! Die hatte ich täglich bei mir. Ich war außer mir vor Freude und ab gings zu Ludwig. Er hatte die Augen auf und konnte uns hören! Welch ein unbeschreibliches Gefühl in diesem Moment. Es ist für mich, als würde ich es jetzt nochmal erleben. Ansonsten sah Ludwig aus wie immer, eben nur mit dem Unterschied, dass er die Augen geöffnet hatte. Wir setzten ihm die Brille auf und warteten auf den Moment, dass er uns erkennt.

Aber leider, er sah überhaupt nichts. Und er konnte auch nicht sprechen. Jedoch konnte er alles hören und verstehen. Wie die Ärztin mir erklärt hatte. Der Intellekt ist ungetrübt. So tasteten wir uns mit Fragen weiter. Wir bekamen heraus, dass er sich einigermaßen gut fühlt. Er hatte keine Vorstellung, wo er war. Kai sagte ihm, dass er im ICE einige Hirninfarkte erlitten hatte und sich nun auf der Intensivstation der Städtischen Kliniken Georgenstadt befinde. Da fing er an zu weinen und wir mussten erstmal die Brille abnehmen. Mir kamen auch die Tränen, aber schnell wieder wegdrücken, Schwäche kam nicht infrage.

Dann versuchten wir rauszubekommen, ob er wenigstens etwas sieht. Wir fragten, ob er hell und dunkel sieht. Kai leuchtete ihn mit einer Taschenlampe an. Jedoch er sah gar nichts. Für ihn war es stockdunkel. So lag er also da, konnte nicht sprechen und war blind. Bewegen konnte er auf Ansprache den rechten Arm und das rechte Bein. Aber nicht direkt gezielt. Wenn wir z. B. sagten, Bein anheben, das konnte er, wenn wir sagten, jetzt mal abspreizen, das ging nicht. Mit dem Arm war es genauso. Und die Finger konnte er nicht einzeln bewegen.

Aber er war am Leben! Das war für mich im Moment das Allerwichtigste und ich konnte es gar nicht erwarten, Dirk anzurufen. Und seine Mutter. Was ich auch auf die Schnelle von der Telefonzelle in der Klinik machte. Auch sie freuten sich sehr. Abends wollte ich dann ausführlich berichten.

Nun aber schnell zurück zu Ludwig. Wenn ich seine Hand drückte, drückte er sie zurück. Es war wunderbar, das zu spüren.

Kai sagte, morgen Nachmittag würde Ludwig mobilisiert. Das Wort hatte ich bis dahin noch nicht gehört, aber ab diesem Tag lernte ich kennen, was sich dahinter verbirgt. Mobilisieren heißt, den Patienten aus seiner »Liegelage« in eine andere Position zu bringen, entweder auf eine andere Körperseite, zum Sitzen oder zum Stehen. Das Mobilisieren nahm für viele Monate und im Laufe der Jahre immer mal wieder einen festen Platz in unserem Alltag ein.

Kai beauftragte mich, für Ludwig Sportkleidung mitzubringen – ganz wichtig feste Turnschuhe.

Die wurden benötigt, um zu verhindern, dass Ludwig einen »Spitzfuß« ausbildet. Schon wieder ein neuer Begriff für mich. Kai erklärte mir, dass der Fuß durch den Schuh gehalten werden muss, weil er sonst nach unten kippt und er durch eigene bewusste Kraft nicht in seiner natürlichen Position bleibt.

Ja, da hatte ich eine neue Aufgabe. Denn Ludwig trug in seinem gesunden Leben nie Turnschuhe und einen Trainingsanzug hatte er auch nicht. In der näheren Umgebung der Klinik war kein Sportgeschäft. Also beschloss ich, morgen nach der Arbeit in Seestadt die Sachen zu besorgen.

Und nun setzten wir Ludwig den Walkman auf und es liefen wieder die Tränen als er eines seiner Lieblingslieder »In the upper Room« von Mahalia Jackson hörte. Nun konnten wir ihm wenigstens etwas Abwechslung verschaffen, indem wir ihm nach und nach seine Kassetten vorspielen würden.

Inzwischen war es auch wieder Zeit geworden, sich zu verabschieden. Aber heute mit einem ganz anderen Gefühl, dem Gefühl der Hoffnung, dass alles gut wird.

Ludwig war am Leben und das war wunderbar. Ich verdrängte wieder alles andere und fuhr förmlich im Walzertakt durch den Bauernwald nach Hause. Damals wurde der »Earth Song« von Michael Jackson im Radio rauf und runter gespielt und noch heute, wenn ich den höre, denke ich zurück an diese Tage.

In Dorftal angekommen, rief ich nochmal Dirk an und erstattete Bericht. Er wollte dann am Wochenende in die Klinik kommen. Auch Ludwigs Mutter und Bruder aus Oberburg würden Ludwig besuchen. Sie wollten am Samstag in die Klinik kommen und dann eine Nacht bei mir in Dorftal schlafen. Meine Schwiegermutter war auch schon sehr gespannt auf das Haus.

Meine Mutter, die in Meckpom lebt, wollte Ludwig zu einem späteren Zeitpunkt besuchen. Ich hielt sie telefonisch auf dem Laufenden.Heute freute ich mich noch mehr auf mein Schlafbierchen und ließ diesen bedeutungsvollen Tag Revue passieren. In die Freude über Ludwigs Erwachen aus dem Koma mischten sich jetzt auch die ersten Wermutstropfen, denn er war anscheinend sehr gehandicapt. Was konnte er denn machen, ohne dass er etwas sieht, nicht sprechen und höchstwahrscheinlich überhaupt nicht laufen kann. Selber essen schon gar nicht …

Egal, er war am Leben. Diese Hürde hatten wir schon mal genommen.

Meine Aufgabe für morgen bestand in erster Linie darin, das Sportzeug zu besorgen.

Also, ab auf das Feldlager, ausruhen und morgen früh wieder auf die 170‑km-Piste nach Seestadt zur Arbeit.

Morgen wird Ludwig mobilisiert. Darauf war ich einerseits sehr gespannt und hatte andererseits auch wieder das berühmte mulmige Gefühl, was mich wohl erwarten würde.

 

Ludwig wird mobilisiert

Heute verging mir der Tag auf der Arbeit einfach nicht schnell genug. Meine Gedanken kreisten ständig um das Mobilisieren. Wie würde ich Ludwig vorfinden? Könnte er mich denn heute sehen?

Der diensthabende Arzt hatte mir gestern noch erklärt, dass aller Wahrscheinlichkeit nach die Augen in Ordnung sind. Das Problem, warum er blind ist, liegt in der Sehrinde des Gehirns, da, wo die Bilder »ankommen«. Das Hirnareal ist in Mitleidenschaft gezogen und kann das Gesehene nicht darstellen. Das nennt man kortikale Blindheit. Er wusste von Fällen, in denen sich das im Laufe der Zeit bei einigen Patienten wieder gebessert hat. Da hatte ich nun einen Strohhalm, an dem ich mich festklammern konnte.

Im Klinikum angekommen, wurde mir heiß und kalt und ich hatte Magenschmerzen, weil ich solche Angst hatte, Ludwig zu sehen und zu erkennen, wie es ihm wirklich ging. Und dann war der Moment da.

Er saß – nein – hing, in einem übergroßen Rollstuhl, gehalten von gefühlten achtzig Kissen, Decken und Haltegurten. Das Gesicht eingesunken und aschfahl, die Unterlippe hing ganz schlaff herunter. Die Haare waren zwar gekämmt, aber wirkten wirr und ungepflegt. Aber das war für mich das Unwichtigste. Das Schlimmste war sein Blick. Der war leer und ohne Leben, die Lider waren halb geschlossen. Der Kopf hing nach unten, das Kinn berührte fast die Brust. Auch war der Oberkörper sehr nach vorn geneigt, denn er konnte sich nicht allein halten. Durch die Nase war der Schlauch für die künstliche Ernährung geführt, der endete in einem Tropf, der an einem Ständer neben dem Rollstuhl stand. Später dann, wenn ich Ludwig im Rollstuhl spazieren fuhr, musste der Ständer immer mit. An seinem rechten Bein war der Urinbeutel befestigt. Die Füße steckten in den Turnschuhen, die ich besorgt hatte. Sie nahmen sich an Ludwigs nackten Beinen, denn er hatte noch immer das Kliniknachthemd an, übergroß und unpassend aus und ragten weit über die Fußrasten des Rollstuhls heraus. Die Arme waren grün und blau von den Injektionen, Blutabnahmen und Infusionen. Aber das würde ja heilen, sagte ich mir. Und er sah sehr dünn und zerbrechlich aus.

Als ich ihn begrüßte, zeigte er kaum eine Reaktion. Ich war todunglücklich und bin es nach all den Jahren heute noch. Dieser Anblick hat sich für mein ganzes Leben in mein Gedächtnis eingebrannt. Das sollte unser Ludwig sein? Er kam mir vor wie ein Wesen von einem anderen Planeten.

Kai erzählte mir, dass sie mit zwei Mann einige Zeit gebraucht hätten, um Ludwig in diese Lage auf dem Rollstuhl zu platzieren. Er hat sehr lange Beine und die Rollstühle sind im allgemeinen darauf nicht ausgelegt. Es sah zusammen­gefasst so aus, dass Ludwig selbstständig weder sitzen, stehen und gehen konnte. Sprechen und essen wegen der Lähmung der Zunge auch nicht, sehen sowieso nicht. Alles in allem ein Bündel Mensch, welches ohne fremde Hilfe nicht existieren würde. Wie ein Neugeborenes, nur, dass die Körpergröße von 1,83 m nicht babymäßig war. Das Positive war, dass er hörte und verstand, wenn man ihn ansprach. Das zeigte er mit ganz kleinem Kopfnicken oder Kopfschütteln an.

Ich war am Boden zerstört und allmählich dämmerte mir, was da auf uns zukam. Zu Anfang noch etwas diffus, aber im Laufe der nächsten Tage war mir klar, dass da eine Mammutaufgabe auf uns wartete. Die ärztliche Kunst hatte Ludwigs Leben gerettet. Damit war es zunächst getan. Nun müssen die Angehörigen übernehmen.

Seit diesem Tag führe ich zwei Leben. Ludwigs und meins. Wobei immer Ludwigs Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Ich habe gelernt, mich einzuschränken.

Jedenfalls musste Ludwig auch wieder ins Bett, denn das Sitzen, wenn man es denn sitzen nennen konnte, im Rollstuhl war für ihn sehr anstrengend. Diesmal durfte ich zusehen, wie Ludwig aus den Kissen geschält wurde. Es kam noch eine Schwester hinzu. Einer fasste unter die Arme, einer unter die Beine und dann hoben sie ihn auf Kommando aus dem Rollstuhl ins Bett. Vorher wurde noch die Nasensonde abgeklemmt. Der restliche Schlauch baumelte dann vor seinem Gesicht herum.

Abgelegt im Bett, wurde Ludwig dann »gelagert«. Wieder ein neuer Begriff für mich. Gelagert wird der Patient deswegen, damit er sich nicht irgendwo durchliegt. Aller zwei Stunden wird die Position verändert. Dies geschieht nach der sogenannten Bobath-Methode.

Ludwig schlief sofort ein und ich fuhr nach Dorftal. Von dort rief ich Dirk an, um ihm zu erzählen, wie alles war.

Am Samstag kamen dann Dirk, Ludwigs Mutter und Bruder zu Besuch. Wir trafen uns in der Klinik und gingen gemeinsam in Ludwigs Zimmer. Da saß er wieder in seinem Rollstuhl wie am Vortag.

Ludwigs Mutter brach in Tränen aus, als sie ihren Sohn so sah und Ludwigs Bruder war sehr betreten und sagte, »na ja, bis Weihnachten ist alles gut«. Wie schön wäre es, wenn das stimmen würde. Die Hoffnung stirbt zum Schluss, sagt man immer so dahin. Aber in unserem Fall klammerte ich mich daran.

Später dann machte Dirk eine Bemerkung, die ich bis heute nicht vergessen habe: »Ich glaube nicht, dass Papi nochmal mit der Tasche zur Arbeit geht.« Ich war entsetzt und wollte das natürlich nicht glauben. Wie recht er hatte. Er hat das damals in seinem jugendlichen Alter von 21 Jahren realistischer ein­geschätzt als ich.

Auf der Intensivstation war Ludwig bis jetzt gut aufgehoben und versorgt worden. Kai sagte uns, dass er nun, da er aufgewacht sei, demnächst auf Station müsste, wenn ein dringenderer Fall eingeliefert wird. Hoffen wir, dass er hier noch etwas bleiben kann. Denn auf Station gibt es Platz- und Personalmangel.

 

 

 

 

 

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