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Üblicherweise werden Patienten, die aus dem Koma erwachen, auf eine Normalstation verlegt.

Als Ludwig aus seinem Koma erwachte, wurde er in eine Abstellkammer gestellt, weil alle Stationen gnadenlos überfüllt waren. Wie ich ihn hier vorfand,  darüber habe ich in einem Kapitel meines Buches berichtet…

Ich finde Ludwig in einer Abstellkammer vor

Nachdem wir Ludwig besucht hatten, fuhren wir nach Dorftal. Wir gingen erst kurz bei unserem Italiener etwas essen. Das Lokal war kaum besucht, wir waren die einzigen Gäste. Heute ist es schon lange geschlossen. Die Dorftaler sind keine Kneipengänger und so scheitern die meisten Besitzer an mangelnder Gästezahl.

Wir ließen den Tag nochmal Revue passieren und waren alle so ziemlich fertig wegen Ludwigs Zustand. Nun hieß es wie immer warten, wie sich alles entwickelt.

Meine Schwiegermutter war sehr angetan von dem Haus und meinte, das wäre das Richtige für uns. Aber wie würde alles mit Ludwig weitergehen? Wenn er »nicht mehr mit der Tasche« zur Arbeit gehen kann, wie Dirk es sagte, wie könnten wir dann hier wohnen, bzw., wie würden wir überhaupt weiterleben? Viele Fragen und keine Antworten …

Wir machten uns dann alle unser Nachtlager auf dem Fußboden. Jeder suchte sich eine Ecke. Platz war ja genug da.

Am nächsten Morgen machte ich mich als erste aus den Federn, um ein kleines Frühstück für die anderen vorzubereiten. Mein Wecker hatte wieder um 3.00 Uhr geklingelt, denn ich musste zur Arbeit. Es war Montag, der 30. Oktober 1995. Die anderen konnten noch ein bisschen schlafen. Dann wollten auch sie nach Hause fahren.

Unterwegs musste ich anhalten, um auf dem Parkplatz ein paar Minuten zu schlafen. Ich war wie gerädert, nicht so unbedingt körperlich, aber seelisch. Die Bilder, wie Ludwig da in seinem Stuhl hing, gingen mir nicht aus dem Sinn. Aber es sollte noch schlimmer kommen mit dem, was mich am Abend erwartete.

In Seestadt angekommen, hatten meine lieben Kollegen wie immer Frühstück für mich mitgebracht und ich konnte mich erstmal stärken. So nebenbei schlang ich die beiden Brötchen herunter, denn es gab viel zu tun. Die Arbeit nimmt keine Rücksicht auf den Seelenzustand des Mitarbeiters, aber manchmal war es für mich auch gut so. Etwas abgelenkt wurde ich doch.

Nach der Arbeit wie immer auf die Piste. Heute war Stau an verschiedenen Stellen und es ging teilweise nur im Schritttempo vorwärts. Das ging mir alles zu langsam, denn ich hatte nur den einen Wunsch, nämlich so schnell wie möglich zu Ludwig. Vielleicht fühlte er sich heute besser?

Als ich an der Tür der Intensivstation klingelte, wurde ich nicht hereingelassen. Ludwig war verlegt worden. Es hieß, ich solle mich aber nicht erschrecken, denn auf der Neurologischen Station gäbe es vorübergehend kein freies Bett mehr. Und dann wurde ich zu Ludwig geführt. Der Anblick der sich mir bot, ließ mich erschaudern und ich musste wieder mit den Tränen kämpfen. Ludwig lag in einer ganz kleinen Abstellkammer!

Die war vollgestopft mit Regalen. Darin Pakete mit Windeln, Nachthemden, Urinflaschen und Bettschiebern. Aller möglicher Krankenhausbedarf.

Ludwig lag in einem Gitterbett, das fast zu klein für seine Körpergröße war. Er lag auf der linken Seite. Und war kaum zugedeckt. Das Nachthemd, das oben zum Zubinden ist, ließ den ganzen Rücken frei. Der Popo mit der Windel drumherum war nicht mal zugedeckt. Er war nicht rasiert. Die Haare hingen wirr um den Kopf. Kurzum, er sah zum Fürchten aus und ich war am Ende mit meinen Kräften. Was sollte ich denn noch alles ertragen?

Ludwig jammerte leise vor sich hin. Sprechen konnte er nicht. Die Augen waren weit auf, obwohl er nichts sah. Was sollte ich bloß machen! Der diensthabende Pfleger zuckte nur die Schultern, die Station sei gnadenlos überbelegt.

Im Prinzip ist es so, dass sich, wenn der Patient aus dem Koma erwacht, eine sog. Anschlussheilbehandlung anschließt. Während dieser beginnen so schnell wie möglich die Therapien. Wenn Ludwig jetzt also hier einsam und allein ohne Therapien und menschlichen Zuspruch in dieser Kammer liegt, passiert gar nichts und es vergeht kostbare Zeit.

Erstmal legte ich mich einfach zu ihm ins Bett und tröstete ihn. Ich merkte, wie er ruhiger wurde und dann schlief er ein. Ich musste was unternehmen! Damals habe ich gelernt, dass man sein Schicksal selber in die Hand nehmen muss.

Hat man einen schwer kranken Angehörigen, so ist man in der Verantwortung ohne wenn und aber. Dem Kranken wird es nur so gut gehen, wie sich die Angehörigen kümmern. Besonders Ludwig in seiner Hilflosigkeit war allem total ausgeliefert.

Ich kletterte wieder aus Ludwigs Bett. Mittlerweile war es abends 21.00 Uhr geworden. Die Stationsschwester hatte zwischen Tür und Angel noch ein Ohr für mich. Ich sagte ihr, dass wir aus Seestadt kommen und sie meinte, das Beste wäre, Ludwig nach Seestadt zu verlegen. Sie wollte morgen mit der zuständigen Ärztin sprechen. – Morgen erst sprechen, man weiß ja, wie langsam die Mühlen malen …

Ich fuhr sehr bestürzt und vor Mitleid mit Ludwig und mir nach Dorftal. Dort rief ich Dirk an. Der war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und war entsetzt. Wir beratschlagten, was zu machen sei. Am besten wäre es, Ludwig sofort nach Seestadt zu bringen. – Aber wie?

Ich begann in der Nacht mit dem Städtischen Krankenhaus Seestadt zu telefonieren. Was sich nun abspielte, war für mich aus heutiger Sicht beispiellos, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Aktion heute so funktionieren würde. Jedenfalls gelang es uns, in dieser Nacht mit unzähligen Telefonaten zum Krankenhaus Seestadt, dann wieder mit der Klinik in Georgenstadt, dann wieder mit Dirk zu organisieren, dass Ludwig am nächsten Morgen nach Seestadt verlegt wird! An Kleidung hatte er ja nur seinen Trainingsanzug und die Turnschuhe. Da gab es kein Problem. Hauptsache die Brille wird nicht vergessen.

In dieser Nacht habe ich nicht eine Minute geschlafen. Ich machte mich alsbald auf den Weg zur Arbeit. Kaum war ich dort angekommen, rief ich in Georgenstadt an und fragte, ob denn mit Ludwigs Verlegung nach Seestadt alles klar geht. Ich konnte aufatmen, die Papiere wären schon fertig und um 10.00 Uhr käme der Transport. Das heißt gegen 13.00 Uhr müsste Ludwig im Städtischen Krankenhaus Seestadt ankommen.

Nun rief ich im Krankenhaus an und fragte, ob denn alles für Ludwigs Ankunft vorbereitet sei. Es hieß, ja, er habe ein Bett. Wir verabredeten, dass ich gegen 14.00 Uhr wieder anrufen sollte. Dann müsste er angekommen sein.

Die Zeit verging mir heute einfach nicht schnell genug. Aber dann wurde es 14.00 Uhr und ich rief an.

Er war angekommen! Hurra, egal wie, aber erstmal weg aus der Abstellkammer. Und die Brille war auch dabei. Ich rief Dirk an und der freute sich auch wahnsinnig. Also dann, ab zum Besuch bei Ludwig ins Städtische Krankenhaus Seestadt.

Für mich war das jetzt eine ganz neue Konstellation. Ich musste ab heute nicht mehr nach Georgenstadt fahren. Und würde in meinem Bett in unserer Wohnung in Seestadt schlafen. Nun war ich aber erstmal gespannt, wie Ludwig untergebracht war.

Mehr dazu und zu vielem Anderen erfährt man in unserem Buch „Danach ist immer Davor“.

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