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Heute vor 19 Jahren befand sich Ludwig zur Reha in Bad Welenhausen. Ich war jeden Tag bei ihm. Er konnte ja wegen des Infarkts nichts sehen. Es hieß, im Kopf, da wo die Bilder verarbeitet werden, funktioniert es nicht… Bei einem Spaziergang im Park wurde Ludwig ganz aufgeregt. Er konnte etwas sehen !

Hier das entsprechende Kapitel aus unserem Buch

Ludwig kann etwas sehen!

Heute ist Freitag, der 5. Januar 1996, Tag 1 nach dem Legen der PEG. Es ist einfach schön, Ludwig ohne die lästige Nasensonde zu sehen. Wieder ein kleiner Schritt zu einer (hoffentlichen) Genesung.

Ich war um 10.00 Uhr in der Klinik und Ludwig hatte sein Sondenfrühstück schon verabreicht bekommen. Es ging ihm gut, er hatte die OP sehr gut überstanden.

Um 10.30 Uhr war LOGO-Therapie und die Logopädin meinte, jetzt müsste Ludwig noch zum HNO, der muss untersuchen, ob nach dem Ziehen der Nasensonde im Rachen alles in Ordnung ist. Dann ging es mit der Therapie los. Sie nahm die Zunge und versuchte, sie vorsichtig etwas aus dem Mund zu ziehen. Dann wieder die Stimulation mit Eis im Gaumen und in den Wangentaschen, dazu musste er versuchen zu Schlucken. Denn das geschmolzene Eis läuft ja die Kehle hinunter und verursacht eigentlich, dass man schluckt.

Aber so richtig klappte es nicht damit. Eine ganz kleine Andeutung eines Schluckversuches konnte man beobachten, das rechtfertigt aber noch nicht, dass man es mit Essen versuchen kann. Nun musste Ludwig noch versuchen, die Zunge nach rechts und links zu bewegen. Nach rechts war eine Minibewegung angedeutet, nach links überhaupt nicht.

Zum Abschluss ging es noch um die Laubildung. Ludwig sollte ein »A« sagen. Es war zwar kein direktes »A«, aber man konnte wenigstens mal seine Stimme hören.

All diese Übungen waren immer Bestandteil der Therapie. Bei Ludwig würde sich alles, was im Mundbereich abläuft, außerordentlich schwierig gestalten. Diese gemeine Apraxie. Es verging kaum ein Tag, an dem die Therapeuten nicht dieses Wort in den Mund nahmen. Man stelle sich vor, dass z. B. die Zunge unbewusst über die Zähne gleiten kann. Aber wenn man es bewusst machen will, geht es einfach nicht. Es ist einfach nur teuflisch, was sich das Gehirn so ausdenkt … Ich hatte ganz oft den Wunsch, mit Ludwigs Gehirn mal zu sprechen, warum es uns so was antut …

Nach der Logo fuhr ich Ludwig zurück in sein Zimmer. Es war Zeit für das Sondenmittagessen. Neben der Sondenkost bekam Ludwig auch die Flüssigkeit durch die PEG verabreicht. Dann Mittagsschlaf.

Am Nachmittag hatte Ludwig Ergotherapie. Da er jedoch nicht sehen konnte, war es kaum möglich, mit ihm die üblichen Übungen durchzuführen. So blieb eigentlich nur das Training für die Tiefensensibilität. Dazu musste er abwechselnd mit der rechten und linken Hand in eine Kiste mit Erbsen greifen. In der Kiste befinden sich Gegenstände, z. B. ein kleiner Ball oder anderes und man muss versuchen, diese zu ertasten und herauszunehmen. Mit der rechten Hand konnte er immerhin in der Kiste herumrühren, aber das Ergreifen eines Gegenstandes war nicht möglich. Mit der linken Hand ging gar nichts. Sobald die Hand mit den Erbsen in Berührung kam, ballte sie sich zur Faust, wie beim Anziehen des Handschuhs.

Heute hatten wir keine Zeit spazieren zu gehen und so drehten wir noch ein paar Runden in der Klinik, um die Zeit zum Schlafengehen zu überbrücken. Ich konnte nun Ludwig schon fast allein aus dem Rollstuhl ins Bett hieven. Hosen und Schuhe ausziehen ging auch. Vorher hatte ich ihm im Bad das Gesicht gewaschen. Ich nahm mir vor, ihn demnächst auch mal nass zu rasieren, denn das sah viel besser aus, als mit dem Elektrorasierer. Ich werde ihm schon nicht die Kehle durchschneiden. Überhaupt, die Erkrankung zwang mich ständig, irgendetwas zu machen, was ich bis dato noch nie gemacht hatte und wovor ich Bammel hatte. Oder etwas zu machen, was ich nur sehr ungern tat. Aber man wird dazu gezwungen und es gibt keine »Gnade«. Man muss sich zum Wohle des Patienten überwinden, wenn es auch schwer fällt. Aber in der eigenen Seele bleibt doch schon die ein oder andere »Narbe« zurück.

Morgen, am Samstag, war ja wieder keine Therapie, wollten wir einen aus­gedehnten Spaziergang mit dem Rollstuhl in den Park machen. Bei dem Verabreichen der Sondenkost kam es nicht auf die Minute an. Und so hatten wir den ganzen Vormittag Zeit.

Jetzt erstmal Anziehen. Ich brauchte noch andere Fausthandschuhe und zwar welche mit einer Schnalle ums Handgelenk. Wir verloren die Handschuhe nämlich, insbesondere den linken. Zunächst mal behalf ich mich mit einer Mullbinde. Damit band ich einfach den Handschuh um das Handgelenk fest. Nicht ideal, aber der Zweck war erfüllt. Not macht erfinderisch.

Und dann raus. Ludwig hat die frische Luft immer sehr gut getan. Aber das ging nur, weil ich täglich bei ihm war. Ansonsten wäre er wohl nie vor die Tür gekommen. Das Personal hat keine Zeit, sich mit so was abzugeben.

Als wir im Park ankamen, machte Ludwig ganz aufgeregt Bewegungen mit seinem rechten Arm und zeigte auf irgendwas, was ich aber nicht zuordnen konnte. Was könnte er denn zeigen, er sieht doch nichts. Aber Ludwig fuchtelte weiter nachdrücklich herum und wenn er mit solcher Heftigkeit etwas andeuten wollte, war es meist sehr wichtig. Er zeigte immer in die Richtung der Telefonzellen. Da standen zwei Telefonzellen, die waren damals noch gelb.

Mich durchfuhr es wie der Blitz. Sollte er die etwa sehen? Ich fragte, siehst du die Telefonzellen? Er nickte wie verrückt mit dem Kopf und strahlte dabei über das ganze Gesicht. So hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Jetzt, wo er so lachte, erkannte man auch, dass der Mund etwas schief war, der linke Mundwinkel hing leicht nach unten. Aber das fand ich nicht weiter schlimm.

Ich konnte es kaum glauben, er konnte tatsächlich die Telefonzellen erkennen. Siehst du, dass die gelb sind, fragte ich. Wieder lebhaftes Nicken! Ich fasse es nicht, das ist ja einfach nur super, supertoll!

Sag mal, siehst du mich denn auch, fragte ich? Er nickte, aber nicht so lebhaft und machte eine Bewegung mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Das hieß soviel wie »ein bisschen«.

Er sah mich also auch, wenn auch nur ein bisschen! Welche Freude in diesem Moment, unbeschreiblich! Frau Dr. Schmieder in den Städtischen Kliniken Georgenstadt hatte ja gesagt, das Sehen könne unter Umständen wiederkommen. Sollte sie recht gehabt haben?

Auf unserem weiteren Weg durch den Park kamen wir auch an schönen großen Rhododendronbüschen vorbei. Die konnte er auch sehen und sogar einen Vogel. Es war ein Star mit einem gelben Schnabel. Kannst du denn auch den gelben Schnabel sehen? Lebhaftes Nicken. Das kann ja gar nicht sein, sogar solche Einzelheiten erkannte er.

Jetzt aber schnell zurück in die Klinik und auf Station Bericht erstatten. Schwester Heidi freute sich mit uns. Und ich rief Dirk auf der Arbeit an, die Neuigkeit musste ich sofort loswerden! Er freute sich auch sehr und am nächsten Wochenende wollte er uns besuchen.

Das eröffnete uns natürlich viele Möglichkeiten. Eventuell könnte Ludwig jetzt ja sogar lesen und fernsehen … Eben weitere Möglichkeiten, den Alltag zu bereichern. Das wäre einfach nur toll!

Morgen, am Sonntag, würde ich mit ihm in den Fernsehraum gehen.

Jedenfalls war heute ein besonders schöner Tag für uns und die Hoffnung auf bessere Zeiten keimte wieder auf.

 

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