Schlagwörter

, , , , , ,

Das Schicksal ist gegen uns

Ja, und wir machten es. Obwohl Ludwig so schlecht zu Fuß war, ließen wir es uns nicht nehmen und fuhren wieder nach Heringsdorf. Das war im Übrigen bis heute das letzte Mal, dass wir im Urlaub waren. Diesen Urlaub werden wir schon wegen der Marienkäferplage, die in diesem Sommer an der Ostseeküste herrschte, nicht vergessen. Schon als wir ankamen, bemerkten wir einen ungewohnten Geruch, worüber wir aber nicht weiter nachdachten.

Der Ablauf ist immer so, dass ich erst Ludwig ins Zimmer bringe und dann die Koffer hole. Auch im Zimmer roch es anders als sonst. Das ist aber komisch, was ist das denn?

Als ich uns an der Rezeption anmeldete, sagte man uns, dass es in diesem Jahr sehr viele Marienkäfer hier gibt, die reinste Plage. Hier riecht es auch anders als sonst. Das stimmt, denn das sind die toten Marienkäfer, die überall herumlagen. Die Hotelangestellten sind rund um die Uhr damit beschäftigt, sie wegzuräumen, aber kaum dreht man sich um, ist schon wieder Nachschub da. Na, das ist ja ein Ding, so was gab es ja noch gar nicht.

Als ich nach den Anmeldeformalitäten ins Zimmer zurückkam, sah ich die Bescherung: Überall am Fenster saßen sie wie gesät und draußen das Geländer war richtig dick voll damit. Am Strand soll es noch schlimmer sein … Also lief ich schnell mal runter. Ist ja nicht weit, nur durch den Park. Als ich aus der Hintertür des Hotels trat, knackte es schon unter meinen Füßen! Oh Gott, der Boden war voller toter und lebender Käfer, es war eklig. Sie waren überall, sogar in dem Schlitz, in den man seine Hotelkarte stecken musste, um die Tür zu öffnen. Mir war ganz schlecht, alles was mit Insekten zu tun hat, ist mir sehr eklig. Am Strand erstmal kurze Begrüßung bei unserem Strandkorbvermieter, der uns den Strandkorb immer so hinstellte, dass es für uns bequem ist. Schön, dass ihr wieder da seid, sagte er. Und was ist mit den Marienkäfern, fragte ich? Oh, furchtbar, einfach lästig, sie sind überall und sie beißen auch. Ich kriegte gleich Gänsehaut, auch das noch, da muss ich ja auch aufpassen, dass Ludwig nicht gebissen wird. Wieder eine zusätzliche Aufgabe und das im Urlaub! Vielleicht hauen sie ja bald ab. Ja, das hofften alle. Aber um es vorweg zu nehmen, sie hauten den ganzen Urlaub über, insgesamt zehn Tage, nicht ab. Zum Schluss wurden es aber weniger. Am nächsten Tag jedenfalls ging es an den Strand. Das ist für uns immer ein kleiner Aufwand. Erst bringe ich alle Sachen runter, richte den Strandkorb ein und dann hole ich Ludwig. Ich hatte auch mächtigen Bammel, wie wir denn den abschüssigen hölzernen Steg runterkämen und es war sehr schwierig. Ludwig war sehr unsicher und ging manchmal auch nicht weiter. Dann standen wir auf dem schrägen Holzsteg und hofften, dass uns jemand half. Meist kam der Strandkorbvermieter, aber wenn er Kundschaft hatte, konnte er nicht. Irgendwie kamen wir dann doch runter, aber das nächste Problem war schon der Sand. Das war schon immer nicht ganz einfach für Ludwig, aber in diesem Jahr kamen wir überhaupt nicht voran. Ich sagte mir, wenn wir hier hinfallen, dann fällt er weich … Endlich waren wir im Strandkorb angekommen. Es dauert immer eine Weile, bis wir bequem sitzen. Ich hatte mir für diesen Urlaub ein schönes Strandkleid aus gelbem Frottee und eine tolle gelbe, dazu passende Strandtasche gekauft. Das hatte beides heute »Premiere«. Aber die Marien­käfer! Denen gefiel die Farbe Gelb natürlich besonders gut und Schwärme davon ließen sich auf mir und der Tasche nieder. So eine Sch … Kleid und Tasche kamen nun nicht mehr mit an den Strand. Die elenden Käfer waren überall und wie ich es befürchtet hatte, sie bissen auch ganz schön zu. Weniger mich, weil ich ständig in Bewegung und mit irgendwas beschäftigt war, aber Ludwig. So schnell konnte ich das gar nicht verhindern. Jedenfalls war es eine Tortur, mit den kleinen Glücksbringern den Kampf aufzunehmen!

Auch in den Restaurants und Eisdielen, drinnen und draußen dasselbe Spiel, überall Marienkäfer. Ich glaube schon, dass es in diesem Sommer bei den Restaurantbesitzern und den Strandkorbvermietern einige Einbußen gab. Zumindesten wussten wir von unserem Strandkorbvermieter, dass viele Urlauber ihren Strandkorbschlüssel zurückgegeben hatten.

Mein gelbes Kleid und meine schöne neue Tasche verschwanden alsbald im Koffer, die konnte ich jedenfalls nicht nehmen. Der Urlaub verging auch und auf dem Rückweg statteten wir meiner Mutter und Schwester wieder mal einen Besuch ab, denn es liegt ja fast am Weg.

Meine Schwester schlug noch vor, dass wir mal zusammen Silvester feiern könnten. Wollt Ihr euch denn mit uns belasten, fragte ich, wir sind doch so schlecht zu Fuß und alles ist schwierig. Na klar, wir müssen ja nicht ständig zusammen sein, sagte sie. Na gut, wen ihr meint … Wir wollten ja in diesem Jahr nach Baden-Baden fahren, wollt ihr nicht auch dahin kommen. Machen wir! O.K., so soll es dann sein.

Nun traten wir die Heimreise an und unterwegs überraschte uns ein schreckliches Gewitter, sodass wir anhalten mussten, der Scheibenwischer schaffte es nicht. Es war stockdunkel und überall hatten sich schon Seen gebildet. Zum Glück waren wir noch nicht auf der Autobahn, da hätte ich nicht so ohne weiteres anhalten können.

Endlich geschafft, wir waren zu Hause. Nun wieder alles auspacken, die Wäsche und und und. Beim Auspacken fiel auch noch der ein oder andere Marienkäfer aus den Sachen, tote und lebendige. Hier bei uns waren zwar auch mehr Marien­käfer gesichtet worden als sonst, aber nicht solche Totalplage.

Der Alltag hatte uns wieder und übermorgen ging es wieder zur Arbeit. Den Pflegedienst und Maria hatte ich schon aktiviert.

»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«, dieses Sprichwort ist ja allgemein bekannt. Dazu noch eine kleine Begebenheit, die wir im Herbst erlebten. Wir machten einen Spaziergang am Fluss entlang, mit Ludwig ging es ja ganz langsam und mir machte das Spazierengehen schon lange keinen Spaß mehr. Aber an die frische Luft mussten wir ja und besonders Ludwig, der kam ja sonst gar nicht raus. Es war ziemlich windig und sogar der Wind bereitete Ludwig ein Problem beim Laufen, er brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Am Weg standen Apfelbäume und jetzt in der Herbstzeit hingen die schon ganz schön voll Äpfel. Aber ich kam nicht ran, die Äpfel an den unteren Ästen hatten sich schon andere Spaziergänger abgepflückt. Die schönsten waren oben, für mich unerreichbar. Aber jetzt kommt, was keiner glaubt, aber ich schwöre, es war so und nicht anders. Ich hatte ja gesagt, dass es windig war und die Apfelbäume waren auch schon ziemlich alt und morsch. Jedenfalls knackte es auf einmal ganz laut und so wahr ich hier sitze, ein Apfelbaum brach ab und viel uns fast vor die Füße. Und all die schönen Äpfel waren auf einmal in Reichweite! Das gibt es doch nicht, das kann nicht sein, das ist vielleicht ein Ding! Ludwig war auch ziemlich baff und ich rief vom Handy aus ganz schnell Dirk an, um zu berichten, was gerade passiert war. Der sagte, aber 1. April ist heute nicht oder? Nein wirklich nicht! Wenn das kein Vorzeichen war für irgendwas! Aber wir sind nicht abergläubisch. Jedenfalls stopften wir uns die Taschen so gut es ging voll Äpfel, garantiert selbst geerntet!

So verging der Herbst und allmählich kam die Zeit, sich wieder um Weihnachten und Silvester zu kümmern. Das Hotel in Baden-Baden hatten wir bereits gebucht, meine Schwester mit ihrem Lebenspartner hatten auch ihr Zimmer. Ich sah dieser Zeit mit gemischten Gefühlen entgegen, denn es würde, besonders für mich, die ich für alles, was Ludwig betraf, zu sorgen hatte, anstrengend werden.

Aber es kam nicht zu der Silvesterfeier. Am 23. Dezember 2009 um 22.00 Uhr stürzte Ludwig im Bad, als er auf die Toilette wollte, schwer. Ich war nicht schnell genug bei ihm, sodass ich das nicht verhindern konnte. Er fiel mit der linken Gesichtshälfte auf den Boden und sofort bildete sich eine Blutlache unter seinem Kopf. Die kam von einer Platzwunde über der linken Augenbraue. Er wimmerte leise vor sich hin und mir kamen die Tränen. Und sofort musste ich an den Apfelbaum denken. Das war bestimmt das Vorzeichen gewesen!

Was einem nicht alles in den Sinn kommt, es war in diesem Moment fatal. Ich konnte Ludwig nicht mit eigener Kraft hoch bekommen. So lagerte ich ihn, damit er es bequem hatte, er war auch wieder ganz gefasst und ich rief den Notarzt an. Mir war klar, dass sie ihn mitnehmen würden, schon wegen seiner Vorerkrankung und jetzt das noch obendrauf. Deshalb packte ich vorsorglich ein paar Sachen zusammen. Und es kam auch so. Ludwig wurde nach einer kurzen Untersuchung auf die Trage gehoben. Ich nahm meine schon vorher gepackten Sachen und einige Berichte über Ludwigs Erkrankung und es ging mit Blaulicht und Martinshorn nach Georgenstadt in die Stroke Unit. Ein CT musste gemacht werden, ob der Kopf was abbekommen hatte und diverse andere Untersuchungen.

So, Frau Pohl, sagte ich zu mir, da kommt was auf dich zu, jetzt heißt es wieder, Zähne zusammenbeißen … Und ich dachte an den 29. September 1995, als Ludwig nicht nach Hause kam.

Und es war so, der 23. Dezember 2009 hat mit einem Schlag alles geändert. Wenn ich bis jetzt dachte, ich hätte einen pflegebedürftigen Ehemann, so war das nichts gegen das, was dann kam und wie es bis heute ist.

Danach ist immer Davor, nämlich vor einer neuen Herausforderung. Warum meint es denn das Schicksal mit uns nicht gut, wir haben doch keinem was getan!

Advertisements