Schlagwörter

, , , ,

 

Im Neuen Jahr 2003 hatte uns dann der Alltag wieder. An einem Wochenende im April fuhren wir auf die Wasserkuppe, der mit 952 m der höchste Berg Hessens ist. Dort oben wollten wir etwas spazierengehen. Auf einmal blieb Ludwig stehen und lief nicht mehr weiter. Er konnte nicht. Sein linker Fuß stand immer auf der Außenkante und knickte um. Es war unmöglich, mit ihm voranzukommen. Jeder Schritt war nur ein Versuch, der uns aber nicht wirklich weiterbrachte. Ich reimte mir das so zusammen, dass es Ludwig störte, dass der Weg abschüssig bzw. schräg war und sein Gehirn meldete: Hier ist keine ebene Fläche, dort kann der Fuß nicht richtig aufsetzen. Es half kein Zureden, kein Meckern, kein Betteln meinerseits, er möge doch weitergehen, nichts, aber auch nichts ging. Was sollte ich bloß machen, wir mussten ja da oben weg und unser Auto stand unten auf dem Parkplatz.

Das sind solche Momente und derer gibt es viele, wo man doch sehr hilflos ist und auf eine Eingebung wartet. Hier brauchte ich aber keine Eingebung, hier brauchte ich Taten. Das Auto musste her, sonst kommen wir nicht hinunter. Aber ich konnte Ludwig nicht allein da oben sitzen lassen. Eine Bank war nicht in der Nähe, nur einige gefällte Baumstämme. Ich setzte Ludwig auf einen Baumstamm und wartete auf Spaziergänger. Die müssen auf ihn aufpassen, während ich das Auto holen wollte. Wie, war mir noch nicht klar, aber irgendwie würde es schon gehen. Alle Spaziergänger, die so vorbeikamen, schienen mir aber nicht geeignet zu sein, auf Ludwig aufzupassen. Meist Eltern mit kleinen Kindern, auch Hunde mit dabei. Bis nach gefühlten fünf Stunden ein älteres Ehepaar ankam. Die Frau fragte uns, ob wir Hilfe bräuchten, denn so haben wir auch ausgesehen. Ich sorgenvoll und Ludwig starr vor Kälte mit klappernden Zähnen. Ich fragte, ob sie vielleicht zehn Minuten auf Ludwig aufpassen könnte, während ich das Auto hole. Natürlich, keine Frage! Sie beschrieben mir noch die Wanderwege, denn sie kannten sich hier aus, die ich mit dem Auto befahren könnte. Ich eilte im 100 m-Tempo nach unten zum Parkplatz und dann ging es über Stock und Stein, manchmal waren die Weg recht schmal, mit dem Auto nach oben. Viele Wanderer zeigten mir einen Vogel, um damit ihr Unverständnis auszudrücken, dass hier einer mit dem Auto auf dem Wanderweg fuhr. Ich zuckte nur die Schultern und dachte mir, wenn ihr wüsstet, was ich für ein Problem habe …

Endlich war ich oben angekommen und das freundliche Ehepaar, dem inzwischen auch kalt geworden war, immerhin war es erst April, half mir noch, Ludwig ins Auto zu setzen, Was auch nicht so besonders gut ging, denn durch die Kälte war er ziemlich starr in seinen Bewegungen und wir mussten ihn ziemlich »reinstopfen«. Dann war auch das erledigt und ich bedankte mich mit 20 Euro »Glühweingeld« bei den Leuten. Nun hieß es, die Wanderwege wieder abwärts. Die gleiche Reaktion von den Spaziergängern, hier ist doch autofreie Zone … Das war mir alles so was von egal, ich hatte meine kostbare Fracht auf dem Beifahrersitz und wir waren in Sicherheit.

Zu Hause ging es ohne weiteres die fünf Stufen zur Haustür hoch. Aber die Sache mit dem linken Fuß, dass dieser sehr oft auf dem Außenrist stand, die blieb bestehen. Besonders auf unebenen oder weichen Untergründen, wie z. B. Sand oder Rasen, passierte uns das. Das waren herbe Einschnitte in unsere Freiheit, Wanderungen und Spaziergänge zu unternehmen. Später waren wir dann bei einem Orthopäden, der erhöhte an Ludwigs jeweils linken Schuhen die Sohlen an der Außenkante, damit er nicht so abknickt. Aber das half nicht wirklich.

In der Folge musste ich mir dann immer ganz genau überlegen, wohin wir laufen werden. Am besten nur auf geraden, festen oder asphaltierten Wegen. Damit waren wir jedenfalls ganz schön eingeschränkt. Später dann haben uns auch die festen Wege nicht wirklich immer gerettet, denn wenn Ludwig ermüdete, dann hatten wir das gleiche Problem. Ich musste auch immer berechnen, dass wir noch zurück müssen. Deshalb hatte ich manchmal absolut keine Lust mehr, mit Ludwig größere Touren wie bisher zu unternehmen. Die Angst saß mir immer im Nacken und die Erinnerung an die Wasserkuppe tat ihr Übriges. Immer sorgte ich künftig dafür, dass das Auto wenigstens in der Nähe war, wodurch unser Aktionsradius außerordentlich begrenzt war. Aber die Schwierigkeiten sollten noch größer werden …

Advertisements