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Während seines Klinikaufenthaltes in Georgenstadt besuchte ich Ludwig täglich . Das große Problem war immer, einen Parkplatz zu bekommen. Also, rein ins Parkhaus. Für mich jedesmal ein Greuel, denn das Parkhaus ist extrem eng, und so kam es natürlich, wie es kommen mußte…

Auto kaputt. Hier das entsprechende Kapitel aus unserem Buch

Auto kaputt

Am nächsten Tag mussten wir wie immer ewig warten, bis ein Pfleger oder die Schwestern Zeit hatten, Ludwig aus dem Bett zu holen. Ich durfte das nicht allein und hätte es wohl auch nicht gekonnt. Ludwig war sehr schwach und sogar zu zweit hatten sie Mühe, Ludwig anzuziehen und in den Rollstuhl zu setzen. Von Stehen oder gar Laufen konnte keine Rede sein. Ich hatte von zu Hause einen Trainingsanzug mitgebracht, den zogen wir ihm an und dann noch eine Decke über die Beine. Es war mal wieder für mich ein herzergreifendes Bild, wie Ludwig dann im Rollstuhl saß, den Kopf halb kahl geschoren, die Schläuche aus dem Kopf, die blutverkrusteten Wunden, blass und dünn, unrasiert und ungepflegt. Ach, was müssen wir denn noch alles erdulden, wir haben doch keinem was getan, ging es mir durch den Kopf. Immer wir. Alle Bilder von damals, als ich Ludwig im Rollstuhl spazierenfuhr, kamen wieder in mir hoch.

Nun hatten wir ihn wieder, den Rollstuhl. Der einzige Unterschied zu damals bestand darin, dass ich jetzt besser damit umgehen konnte. Die Gänge in der Klinik sind lang und ich fuhr mit Ludwig rauf und runter, kreuz und quer und ein paar Minuten sogar vor die Tür. Aber das war nicht so schön, denn da standen alle Raucher und die Luft war verpestet. Dann ging es wieder ins Zimmer.

Es war Mittagszeit und ich musste Ludwig das Essen geben. Für die Verhältnisse nach der OP aß er eigentlich gar nicht mal so schlecht, wenn ich das mit heute vergleiche. Wir hatten so ein Tablett am Rollstuhl. Da stellte ich das Essen rauf und fütterte ihn. Unser Glück ist, dass Ludwig immer gern gegessen hat und so musste man es ihm nicht »reinwürgen«. Es gibt viele Patienten, die dann nicht essen und trinken wollen. Das hätte mir gerade noch gefehlt.

Allerdings fiel ihm einiges von dem Essen wieder aus dem Mund und ich musste ihn so ziemlich »verhüllen«. Da brauchte ich jede Menge Tücher, so viele waren in der Klinik gar nicht zu haben. Not macht erfinderisch. Von der Klinik bekam ich Plastiklätzchen zum Umbinden. Zusätzlich brachte ich von zu Hause Handtücher und Waschlappen mit. Über das Lätzchen dann das Handtuch, mit dem Waschlappen das Gesicht putzen. Und unendlich viel Zellstoff, auch noch zum Putzen. Die Tücher spülte ich im Waschbecken aus und dann kamen sie in einen Plastikbeutel. Abends war der Beutel dann proppenvoll mit schmutzigen Tüchern, zu Hause habe ich sie nochmal ausgespült und dann ab in die Waschmaschine. Dieser Ablauf hat sich mit der Zeit eingepegelt und den habe ich bis heute so beibehalten.

Ich war den ganzen Tag bei Ludwig, gab ihm alle Mahlzeiten und ich entlastete das Personal, denn sie mussten sich überhaupt nicht um Ludwig kümmern, außer früh waschen und ab und an aus dem Bett in den Rollstuhl setzen. Ich habe sozusagen unentgeltlich gearbeitet. Mein Arbeitstag war abends um 19.30 Uhr zu Ende, nachdem ich Ludwig sein Abendessen gegeben hatte. Dann war ich todmüde und wollte nur noch nach Hause. Aber davor war noch das verhasste Parkhaus. Erstmal musste ich die 20 Euro löhnen und mich dann aus dem Parkplatz fädeln. Aber das ging abends, denn um diese Zeit waren die meisten Besucher schon nach Hause gefahren.

Dann ist das passiert, wovor ich die ganze Zeit Angst hatte. Beim runterfahren war ich den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam oder ungeschickt, jedenfalls krachte und knackte es auf der rechten Seite des Autos ganz fürchterlich. Es ging mir durch Mark und Bein. Nun habe ich es endlich geschafft, das Auto ist hin, schoss es mir durch den Kopf. Ich war mit der rechten Seite am Geländer entlang geschabt. Und die Geländer waren sehr stabil! Ich wollte den Schaden nicht sehen und erst, als ich beim Supermarkt angekommen war, stieg ich aus, um mir die Bescherung anzusehen. Schrecklich. Mein armes Auto! Die rechte hintere Tür war eingedrückt, auch der Rahmen hatte was abbekommen. Das ist ein sicherheitsrelevantes Element und das kostet … Das Auto war noch ziemlich neu und nun würde es schon einen Makel haben. Ich war ziemlich verzweifelt, denn nun ging das ganze Prozedere los. Versicherung, Werkstatt, Leihauto usw. Noch eine zusätzliche Aufgabe für mich, ich war schon ziemlich ausgepowert.

Abends habe ich dann von zu Hause noch in der Klinik angerufen, dass ich am nächsten Tag später komme, weil ich zur Versicherung und in die Werkstatt muss. Und dann habe ich mein Leid noch ausgiebig Dirk am Telefon geklagt und ihn vor der Enge des Parkhauses gewarnt, denn er wollte Ludwig am Wochenende besuchen kommen.

Der Schaden würde bei so mindesten 5000 Euro liegen, sagte die Werkstatt. Das übernimmt die Kasko-Versicherung, meine Selbstbeteiligung lag bei 500 Euro. O.K., wenigstens was. Es kam dann noch ein Mitarbeiter der Versicherung, um den Schaden zu begutachten. Wir gingen ins Parkhaus, damit er sich das Auto ansehen konnte. Und nun habe ich mir auch zum ersten Mal die Stelle angesehen, an der ich runtergeschrappelt bin. Außer dem Geländer war da auch noch ein dicker Pfeiler. Und da dran war rote Farbe von meinem Auto. Beim genaueren Hinsehen konnte man an fast allen Pfeilern irgendwelche Farben sehen … Mit der Versicherung gab es keine Probleme, die Werkstatt übernahm alle Aktivitäten. Es hat über eine Woche gedauert. Solange hatte ich ein Leihauto.

Am Wochenende kam Dirk, um seinen Vater zu besuchen. Wir trafen uns der Einfachheit halber gleich in der Klinik. Vor dem Parkhaus hatte ich ihn ja schon gewarnt. Er fand es auch total eng.

Als er Ludwig sah, war er schockiert über die Schläuche, die aus dem Kopf kamen. Aber er meinte auch, dass man Ludwig ansah, dass er weiterkämpfen würde, um gesund zu werden. Gesund eben mit Einschränkungen. Wenn wir den Stand von vorher erreichen würden, können wir froh sein, denn jede Einblutung an einem bereits geschädigten Gehirn kostet Einbußen. Das hat mir mal eine Mitarbeiterin der Krankenkasse gesagt. Ich glaube auch, dass das stimmt. Warten wir es ab. Dirk und ich baten dann die Schwestern, Ludwig aus dem Bett zu holen, damit wir mit ihm spazieren fahren können. Ob sie beeindruckt waren, dass Dirk mit da war? Jedenfalls wurde das sofort erledigt. Kaum zu glauben. Wir gingen Kaffee trinken und Ludwig freute sich sehr über die Abwechslung. Er wünschte sich Cola, die konnte er sogar mit dem Trinkhalm trinken! Für mich ein toller Beweis, dass das Essen und Trinken doch nicht ganz gelitten hatte! Wie schön.

Dirk blieb, bis Ludwig sein Abendessen, die obligatorischen Schnitten mit Schmierwurst erhalten hatte und wieder wohlbehalten im Bett lag. Im Übrigen stand Ludwigs Bett direkt am Fenster, es war ein schöner Platz. Dann verabschiedeten wir uns alle beide von Ludwig, der war auch ganz schön müde. Ich glaube, er schlief gleich ein. Dirk und ich gingen dann zusammen zum Parkhaus und ich musste nochmal über die Enge meckern.

Klar, die Parkhäuser stehen alle schon ganz schön lange und die Autos werden immer größer. Und ich hatte den Schaden!

Dann verabschiedete sich Dirk, wir trösteten uns gegenseitig. Ich fuhr auch nach Hause.

Morgen muss ich auch wieder arbeiten gehen. Man hatte mir in der Klinik versprochen, Ludwig zu essen zu geben. Auch die Logopädin wollte helfen. Aber so richtig traute ich dem Frieden nicht. Es brauchte nur mal was dazwischen kommen, z. B. muss ein neuer Patient aufgenommen werden, dann wird nicht soviel Zeit zum Füttern sein … Aber wenn ich dann nach der Arbeit komme, gebe ich ihm verspätet das Mittagessen. Und abends so wie immer.

 

 

 

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