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Nach Ludwigs schweren Erkrankung am 29.09.1995 begann für unsere Familie eine neue Zeitrechnung…die bis heute andauert. Hier das entsprechende Kapitel aus unserem Buch

 

Tag 3 der neuen Zeitrechnung

Mit dem 29. September 1995 begann eine neue Zeitrechnung in unserer Familie. Später hieß es oft, ach, das war ja noch vor 1995 oder das war ja nach der »Stunde 0«.

Nach einem etwas bescheidenen Frühstück, fuhr ich am Sonntag, dem 1. Oktober 1995, Tag 3 der neuen Zeitrechnung, wieder nach Georgenstadt. Das Gute war, dass auf der Intensivstation keine festen Besuchszeiten vorgeschrieben waren. Man musste nur abends bis 21.00 Uhr die Station verlassen.

Von Dorftal nach Georgenstadt sind es etwa 30 km. Da ich noch nicht so ortskundig war, fuhr ich zunächst einen Umweg über mehrere Dörfer und durch ganz Georgenstadt. Später entdeckte ich eine Abkürzung durch den Bauernwald. Das war abends auf dem Rückweg manchmal sehr romantisch, wenn der Mond schien, aber man musste aufpassen, um nicht in ein Wildschweinrudel zu fahren.

Im Klinikum wieder dasselbe, kein Parkplatz, also Parkhaus. Aufpassen, dass man nirgends aneckt. Als ich auf der Intensivstation ankam, war Ludwig zu einer Untersuchung gebracht worden. Denn noch immer war die Ursache für seine Infarkte nicht gefunden worden. Es hieß also wieder warten. Wenn ich eins in den Jahren gelernt habe, so war es warten, immer nur warten, auf Befunde, Bescheide, Untersuchungen usw.

Ich musste draußen Platz nehmen. Ludwig wurde in seinem Bett reingefahren. Ich zog mir wieder den grünen Kittel an und durfte mir einen Stuhl nehmen. Da saß ich nun. Ich konnte nichts machen, außer Ludwig zu betrachten, seine Hand zu halten oder mit den Schwestern und dem Pfleger zu reden. Ich war todunglücklich und dies hat sich auch bis heute nicht geändert. Kai, der Pfleger, sagte mir, dass ich ruhig mit Ludwig reden solle, er würde, trotzdem er im Koma liege, etwas hören.

Und so erzählte ich alles Mögliche von zu Hause, der Arbeit, unserem Haus, aber ich konnte keine Regung in Ludwigs Gesicht erkennen. Ich erfuhr, warum Ludwigs rechter Arm festgebunden war. Und zwar deshalb, damit er sich nicht die Schläuche für die Infusionen und künstliche Beatmung rausreißen konnte. Der Gummistopfen für die Zunge war entfernt worden. Warum, wurde mir nicht richtig erklärt, später dann kam heraus, dass die Zunge gelähmt sei und deshalb keine Erstickungsgefahr mehr darstellt.

So verging der Sonntagvormittag. Ab und zu ging ich einen Kaffee trinken. Essen war damals Nebensache. Ich wollte immer ganz schnell zurück zu Ludwig. Denn ich wollte auf keinen Fall verpassen, wenn er aus dem Koma aufwacht.

Allmählich müsste ja Dirk eintrudeln, denn er wollte gleich früh von Seestadt losfahren. Aber er kam und kam nicht. Endlich, am Nachmittag, kam er dann. Ein Unglück kommt selten allein, er hatte mit Ludwigs Opel Vectra einen Getriebetotalschaden gehabt und war auf halber Strecke zwischen Seestadt und Georgenstadt liegengeblieben. Dann natürlich das volle Programm. Abschleppdienst, Ersatzauto, Formalitäten. Als Ersatzauto bekam er einen gelben Mitsubishi Colt.

Als er seinen Vater so hilflos im Bett liegen sah, war er ziemlich schockiert. Aber was will man in solchen Situationen machen? Man kann nichts tun. Wir passten auf, ob Ludwig unserer Unterhaltung gefolgt war, aber man konnte keine Regung irgendeiner Art erkennen. Er bewegte sich immer ruckartig und hob wie anklagend den rechten angebundenen Arm in die Höhe, soweit es mit der Bandage ging.

So vergingen die Stunden und es wurde Zeit, für heute von Ludwig Abschied zu nehmen.

Immerhin musste Dirk noch zurück nach Seestadt. Als wir die Klinik verließen, beschlossen wir noch etwas zu essen. In der Nähe war ein einfaches Restaurant. Wir bestellten uns Bratkartoffeln mit Spiegelei. Der Kellner, der übrigens auch aus dem Osten Deutschlands kam, sagte, wir könnten auch eine doppelte Portion bekommen. Sah er uns an, dass wir den ganzen Tag nichts gegessen hatten? Jedenfalls bestellten wir die doppelte Portion. Als die kam, trauten wir unseren Augen nicht, denn die Menge kam uns vor wie vierfach, die Teller waren fast so groß wie Tabletts. Ich habe nicht mal ein Drittel geschafft und Dirk nur die Hälfte. Später dann sprachen wir noch oft von der Bratkartoffelkneipe.

Wir ließen den Tag Revue passieren. Ludwig lag nun schon den 3. Tag unverändert im Koma. Es wurde Zeit, nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Immerhin war morgen Montag und wir mussten eigentlich wieder arbeiten. Wir beschlossen, dass ich in meiner Firma kurzfristig einen Tag Urlaub nehmen müsse. Der Dienstag war dann der 3. Oktober, der Tag der deutschen Einheit, also Feiertag. So hatten wir schon mal zwei Tage gesichert.

Nach dem opulenten Essen und beladen mit großen Sorgen um Ludwig, ver­abschiedeten wir uns. Dirk fuhr mit seinem Leihauto nach Seestadt und ich nach Dorftal. Unterwegs kaufte ich an einem Kiosk noch ein paar Knacker und etwas Bier, damit ich wenigstens etwas zu essen im Hause hatte. Damals habe ich mir angewöhnt, abends immer ein Bier zu trinken, damit ich besser einschlafen kann. Das wurde später zu einem Ritual, das ich bis heute beibehalten habe.

Leider hatte ich noch keinen Telefonanschluss im Haus und den hätte ich dringend gebraucht. So musste ich wegen jedem Anruf zur Telefonzelle wandern. Das kann man sich heute in der Handy-Zeit überhaupt nicht mehr vorstellen. Ich habe noch das kleine Telefonbüchlein mit allen wichtigen Nummern aus dieser Zeit und ohne das wäre ich aufgeschmissen gewesen. Zum Glück ist es mir nie weggekommen.

Ich hätte gern gewusst, ob Dirk gut in Seestadt angekommen war. Aber zur Telefonzelle zu gehen, hatte ich jetzt keine Kraft mehr. Ich beschloss, mein Bier zu trinken und dann erstmal zu schlafen. Alles andere dann morgen früh. Ich wollte zeitig aufstehen, in meiner Firma anrufen und dann wieder zu Ludwig fahren. Vielleicht war er ja aufgewacht …

 

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