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Hier ein Kapitel aus meinem Buch „Danach ist immer Davor“, wie es sich anfühlt, wenn man täglich, so wie auch Corinna Schumacher, sich am Bett seines Angehörigen auf der Intensivstation aufhält….

Alltag auf der Intensivstation

Lust zum Aufstehen hatte ich nicht wirklich. Obwohl mein Schlaflager doch recht kärglich war, war es doch eine kleine Oase in dem leeren Haus an der Heizung. Draußen wartete wieder die Sorge um Ludwig und ich zog mir nochmal die Decke über den Kopf.

Aber was muss, das muss und so brühte ich mir einen Kaffee auf. Kaffee­maschine hatte ich ja nicht. Dazu ein Stück Brot und eine Knacker, die ich gestern noch schnell aus dem Klinikkiosk mitgenommen hatte.

Zunächst mal musste ich nach Schlossberg fahren, um einen Walkman zu besorgen. Damals gab es noch keine Sticks zum Musik hören wie heute, geschweige denn, dass man sich Musik aus dem Internet herunterladen konnte. Aber der Walkman war schnell geordert und so machte ich mich wieder auf den Weg nach Georgenstadt. Mittlerweile kannte ich die Abläufe. Das Parken im Parkhaus, wie immer abenteuerlich, denn es war ganz schön voll und z. B. rückwärts einparken in eine kleine Lücke – mit mir nicht!

Wieder mit klopfendem Herzen klingeln und dann den grünen Kittel anziehen. Aber ich musste draußen warten, Ludwig war gerade mal wieder zu einer Untersuchung. Dieses Mal zum CT. Denn es stand immer noch die Frage im Raum nach den Ursachen für die Infarkte. Ich musste ganz schön lange warten, dann wurde Ludwig in seinem Bett an mir vorbeigeschoben. Ich durfte auch noch nicht mit rein. Dann endlich konnte ich meinen gewohnten Platz an Ludwigs Bett einnehmen. Er sah unverändert aus. An seiner rechten Schläfe sah ich eine kleine Wunde, die gestern noch nicht da war. Es hieß, dies hänge mit der Untersuchung zusammen und ich solle die Ärztin fragen. Schwestern und Pfleger dürfen keine Angaben zum Gesundheitszustand des Patienten machen. Auch nicht an die nahen Angehörigen. Und die Ärzte sind meist nicht in der Nähe, haben keinen Dienst oder kümmern sich gerade um andere Patienten.

Später, als ich der Ärztin auf dem Gang »aufgelauert« hatte, erklärte sie mir, dass im Zusammenhang mit der Ursachenerforschung eine kleine Sonde durch die Schläfe geführt worden war. Dies hätte aber keine weiteren Aufschlüsse gebracht.

Ludwigs Zustand war unverändert. Die Schwestern eilten hin und her, mit mir hat sich keiner abgegeben. Kai, der Pfleger, war auch nicht da und so saß ich einsam und verlassen auf meinem Stuhl.

Der Alltag auf einer Intensivstation ist für einen Außenstehenden wie mich sehr beeindruckend und auch beklemmend zugleich. Hier geht es um Leben und Tod, kommt der frisch operierte Patient durch oder nicht, unaufhörlich piepen Geräte und leuchten Anzeigen in verschiedenen Farben, werden auf den Bildschirmen Kurven dargestellt. Patienten werden gebracht und abgeholt, Betten abgezogen, neu bezogen, Ärzte eilen mit dem Pieper am Ohr durch die Gänge, immer gibt es irgendwas Wichtiges. In Ludwigs Fall war momentan nichts wichtig, außer, dass man ab und zu nach ihm sah und das Ergebnis in einem Krankenblatt eintragen musste. Ich war ganz schön neidisch auf all die anderen Patienten, denen sich die Ärzte widmeten, glaubte ich doch, man tat nicht genug für Ludwig. Aber zumindestens war ich immer geduldet, das war das einzig Gute in meiner Situation. Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht, auch wenn man nur dasitzt und wartet. Zum Spätdienst kam Kai und ich präsentierte stolz meinen Walkman. Morgen würden wahrscheinlich die Kassetten ankommen.

Auch Kai hatte heute keine Zeit für mich. Es war in Ludwigs Zimmer ein neuer Patient eingeliefert worden. Er hatte einen riesigen Kopfverband nach einer umfangreichen OP. Nun lag er hier zum Aufwachen aus der Narkose. So war es dann später immer. Im Nebenbett kamen und gingen die Patienten, Ludwig jedoch blieb.

Ich machte zwischendurch immer ein kleines Nickerchen, soweit es möglich war, hielt Ludwigs Hand oder redete leise mit ihm. Aber er hörte mich nicht. Noch war ich der Meinung, dass er jeden Moment aufwachen könnte, bloß nichts verpassen.

Es wurde Zeit, mich allmählich mit dem Gedanken vertraut zu machen, wie es weitergehen soll. Heute war Mittwoch, einschließlich Freitag hatte ich noch Urlaub, dann musste ich wieder arbeiten gehen. Aber ich hatte nicht die Kraft, darüber konzentriert nachzudenken, verdrängte das Morgen.

Viele Jahre später habe ich dann auch eine Art »Verdrängungstechnik« entwickelt. Bloß nicht dran denken, rankommen lassen, irgendeine Lösung wird es schon geben, erstmal den Moment überstehen. Dies war aber nur eine von den vielen »Überlebensphilosophien« die ich mir geschaffen habe. Ich glaube auch, ohne solche Philosophien kommt man in derartigen Situationen nicht aus. Und auch nicht ohne Hoffnung. Die hatte ich jedenfalls, dass alles gut werden würde.

Ich ging einen Kaffee trinken, um dann wieder meinen Platz einzunehmen. So verging der Nachmittag und es wurde Zeit, nach Hause zu fahren. Nach Hause, was war denn eigentlich mein zu Hause? In Seestadt war unsere komplett eingerichtete Wohnung und Dirk, aber die war 170 km entfernt. Blieb nur Dorftal übrig, also ab durch den Bauernwald. Unterwegs besorgte ich mir einen kleinen Vorrat an Essbarem und auch ein paar Flaschen »Schlafbier«.

Morgen würden wir bestimmt die Musikkassetten bekommen und dann Ludwig den Walkman aufsetzen. Ich ging davon aus, dass die Musik von Johnny Cash oder Louis Armstrong ihn aufwecken würde … Mit dieser Hoffnung bin ich dann eingeschlafen.

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