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Im Jahre 1999 wagten wir zum ersten Mal nach langer Zeit eine Urlaubsreise an die Ostsee. In diesem Kapitel unsres Buches berichte ich, wie es war…..

Wir verbringen Silvester 1999 an der Ostsee

Schon im Laufe des Jahres begannen wir mit den Vorbereitungen für unsere »Great Race«, unsere Fahrt irgendwohin zu Silvester. Was feststand, war, dass es an die Ostsee gehen sollte und zwar auf die Insel Usedom. Dazu verbanden mich viele Erinnerungen an meine Jugendzeit, denn ich hatte dort während der Schulferien manchmal in einem Kinderferienlager in der Küche gejobbt. Deshalb kannte ich den Strand und den ein oder anderen Ort. Und wenn wir schon mal die ca. 500 km auf uns nehmen, dann wollten wir auch gleich meine Mutter und Schwester in Meckpom besuchen.

Ein für uns so ziemlich gewagtes Vorhaben, denn es spielte bei mir auch immer die Angst mit, was sein könnte, wenn Ludwig unterwegs vielleicht einen Anfall kriegt oder irgendetwas anderes mit ihm ist. Die Unsicherheit ist immer da. Sie muss verdrängt werden, sonst geht gar nichts. Wegen der Unterkunft sagte ich mir, dass es eine Ferienwohnung sein muss. Bloß kein Hotel, wo wir mit unserem Handicap ständig auf dem Präsentierteller sind. Eine Ferienwohnung ist da schon anonymer. Ich habe viel recherchiert und meine Wahl fiel auf eine Ferienwohnung in Heringsdorf. Alles ebenerdig bis auf drei Stufen in die Wohnung. Irgendwelche Stufen gab es immer, damals hatte ich noch nicht so die Erfahrungen beim Suchen von Quartieren, die für uns geeignet sind. Später dann habe ich immer nach barrierefreien Unterkünften gesucht, es gibt im Internet ein großes Angebot. Aber soweit war ich noch nicht.

Von einem Kollegen hatte ich erfahren, dass es für alle behindertengerechten Autobahntoiletten einen Generalschlüssel gibt, den man sich gegen Vorlage des Schwerbehindertenausweises besorgen kann. Das ist doch mal was! Es würde uns helfen, denn in die normalen Toiletten auf einer Raststätte oder einen Parkplatz zu gehen ist unmöglich. Jedenfalls habe ich einen Schlüssel besorgt, Kostenpunkt 20 DM. Was uns der an Erleichterungen für unterwegs brachte, unbeschreiblich. Nun hatte ich eine Sorge weniger.

Koffer hatten wir ja, aber die passten alle irgendwie nicht zusammen, denn ich brauchte mindesten vier Stück, weil ich für Ludwig unendlich viele Sachen mitnehmen musste, erstmal zum Wechseln und dann auch viele Tücher zum Putzen. Also, wir investierten in einige neue Koffer. Das hatte für mich auch noch den Vorteil, dass es mir eventuell mehr Spaß machen würde, die Koffer zu packen. Denn, wie gesagt, Kofferpacken war immer Ludwigs Part gewesen.

Anlässlich Dirks Geburtstag im April machten wir eine »Generalprobe« für unsere Reise. Ich buchte Hotelzimmer in Seeten, das liegt auf halber Strecke zwischen Seestadt und Schlossberg. Dort trafen wir uns, um Dirks Geburtstag zu feiern und mit Ludwig den »Ernstfall«, also einen Aufenthalt in einer Fremd­unterkunft zu proben. Das hatte auch den Vorteil für mich, dass ich nicht allein war. Und für Dirk war es auch mal gut, dass er nicht soweit fahren musste, um uns zu besuchen. Denn er war ja immer derjenige, der fahren musste.

Wir hatten ein normales Doppelzimmer mit einer Dusche. Zwar nicht zu ebener Erde, aber keine Badewanne. Badewanne geht gar nicht. Jedoch für die eine Nacht war das natürlich unwichtig. Gegen 15.00 Uhr des 23. April 1999 trafen wir uns also in dem Hotel und checkten ein. Das Hotel war klein, aber fein, die Adresse hatte ich von einer Kollegin, die in Seeten wohnte.

Unser Zimmer war im Erdgeschoß, also keine Treppen und kein Fahrstuhl. Schon mal gut. Im Zimmer angekommen, setzte ich Ludwig auf den Sessel und packte die Sachen aus. Dann machten wir alle drei einen kleinen Spaziergang durch den hübschen Park, der sich direkt neben dem Hotel befand. Das klappte ganz gut, denn Laufen konnte Ludwig ja einigermaßen.

Und danach war Zeit zum Abendessen. Wir suchten uns einen runden Tisch in der Ecke aus und hatten auch Glück, er hatte die erforderliche Beinfreiheit für Ludwig. Ich setze mich links, Dirk rechts von ihm. Das Personal war uns sehr behilflich und wir fühlten uns ganz wohl. Aber das eigentliche Abenteuer, das Essen, stand uns noch bevor.

Ludwig suchte sich eine Suppe und Rumpsteak aus. Beides nicht so besonders geeignet für uns, denn Suppe löffeln, kaum möglich. Wir bestellten einige Schnitten Weißbrot und brockten es ihm hinein. Sodass dann ein Brei aus der Suppe und dem Brot entstand. Das störte Ludwig nicht. Das brachte ihm auch ein bisschen das Gefühl von normalem Leben, denn er aß nach Speisekarte. Das Rumpsteak haben Dirk und ich bis zur Unkenntlichkeit zerkleinert, ebenso die Zwiebeln dazu. Zum Glück gab es Kartoffelbrei, das ging. Dann alles portionsweise auf einen zweiten Teller geladen und Ludwig konnte essen. Vorher haben wir ihn noch mit großen Stoffservietten, die hatten wir vom Hotel, verhüllt. Sah jedenfalls besser aus als unsere Tücher. Beim Trinken mussten wir Ludwig noch helfen und aus einem Bierglas konnte er sowieso nicht trinken. Ich hatte unser Trinkglas von zu Hause mit und das ließen wir mit Bier füllen. Ludwig war natürlich beim Personal der Star, denn er erweckte mit seinen Handicaps auf allen Ebenen einerseits das Mitgefühl der Bedienung, andererseits auch einen hohen Respekt, dass er sich trotzdem wagte, im Restaurant zu essen.

Dann der Nachtisch. Den ließ ich aber gleich auf einem tiefen Teller servieren. Das waren auch alles so Sachen, die ich Stück für Stück ausprobiert habe. Eisbecher auch in einem tiefen Teller, Wein aus einem Trinkglas, Löffel und Gabel von zu Hause usw.

Da Dirk mit dabei war und mir bei der Versorgung von Ludwig helfen konnte, gönnte ich mir auch ausnahmsweise etwas zu essen. Dirk half Ludwig währenddessen beim Trinken.

»Generalprobe« war gelungen. Schlafmäßig gab es keine Probleme. Ludwig schlief selig ein, weil er sich freute, dass alles geklappt hatte. Und wir beschlossen, dass wir das anlässlich unserer Geburtstage immer so machen wollten. Das wurde dann Tradition bis 2009.

Am 27. Dezember 1999 machte ich mich mit Ludwig auf den Weg in den Norden. Es war bitterkalt und wir hatten auch einen Rechaud mit Spiritus im Gepäck, weil wir uns in der Ferienwohnung einen Glühwein machen wollten. Den Spiritus verbrauchte ich schon unterwegs, denn es war so kalt, dass ständig die Frontscheibe zufror. Damals hatten wir noch kein Auto mit beheizbarer Scheibe. Ich hangelt mich von Parkplatz zu Parkplatz, um die Scheiben mit dem Spiritus aufzutauen. Das fing ja gut an und ich fühlte mich mal wieder ziemlich ungerecht behandelt. Warum musste es aber auch so kalt sein, ausgerechnet, wenn wir was vorhatten?

Bei Ludwig ist es so, wenn es kalt ist, dann ist er viel unbeweglicher bis hin zur Bewegungsunfähigkeit. Weil er friert und sich seine Gliedmaßen ziemlich versteifen. Das kennen wir ja selbst, aber wir haben die Möglichkeit, das besser zu kompensieren. Nicht so Ludwig und so hatten wir ganz schöne Probleme, aus dem Auto zu kommen, wenn er aufs Klo musste. Für das kleine Geschäft hatte ich vorgesorgt. Es gibt auf dem Medizintechnikmarkt sogenannte »Uribags«, das sind Reiseurinflaschen. Die bestehen aus einem festen, kurzen »Flaschenhals« aus Kunststoff und daran ist ein Gummibeutel, Fassungsvermögen ein Liter. Ein Glück hatten wir den. Haben ihn weidlich genutzt. Ludwig muss andauernd pinkeln, manchmal frage ich mich, ob das normal ist und fragte sogar unseren Hausarzt. Dessen Anwort war selbsterklärend: Seien Sie doch froh, dass es so ist. Anders herum wäre es schlimmer … Na gut, dem ist nichts hinzuzufügen.

Einerseits hatte ich die Flasche, aber andererseits musste ich mit Ludwig doch aus dem Auto, damit er sich die Beine vertreten konnte. Ich fuhr mehrere Parkplätze an, bis wir einen geeigneten gefunden hatte. Der eine war zu klein und wir hatten nicht genug Platz zum Aussteigen, wieder ein anderer hatte Kopfsteinpflaster, da kann Ludwig überhaupt nicht drauf laufen, ein nächster hatte zuviel Schnee und war nicht geräumt. Am besten sind immer noch Raststätten. Aber die sind insofern problematisch, weil sie immer proppenvoll sind und an den Toiletten meist Schlangen stehen. Wir können zwar auf das Rollstuhlklo, das muss man erstmal finden und der mitleidige Blick der Schlange stehenden Menschen in Anbetracht unserer Gehweise, schief und krumm, macht einem natürlich auch zu schaffen. Im Laufe der Jahre habe ich mich ein bisschen damit abgefunden, aber nicht ganz. Heute, da Ludwig im Rollstuhl sitzt, vermeiden wir es, im Ort damit zu fahren. Ihm gefällt es nicht und mir erst recht nicht.

Was soll ich sagen, nach 7-stündiger Fahrt mit vielen Zwischenstopps wegen Schnee, Beinevertreten und pinkeln, kamen wir in Heringsdorf an. Ich mache es kurz, wir waren sehr glücklich und stolz, dass wir es geschafft hatten. Erstmal ganz schnell Dirk anrufen und Vollzug melden. Er hatte schon auf unseren Anruf gewartet und freute sich mit uns.

Die Ferienwohnung war genau für unsere Bedürfnisse ausgelegt, geräumig, großes Bad mit Dusche, separater Wohn und Schlafraum.

Das Kofferauspacken oblag natürlich wieder mir, machte ich am nächsten Morgen ganz zeitig, als Ludwig noch schlief.

Und nun das Allerwichtigste: Silvester feierten wir in einem Maritim-Hotel, mit ganz großem kalten Buffet, so eines habe ich nie wieder gesehen. Die Tische in dem großen Saal waren rund, es passten acht Gäste an einen. Auf jedem Tisch standen riesig hohe Kerzenleuchter und die Beleuchtung war ziemlich schummrig. Für uns ein großer Vorteil, so konnten nicht alle sehen, was von Ludwigs Essen so zu Boden fiel und wie er sich bekleckerte. Egal, wir waren unter Leuten! Wir hatten uns auch schick gemacht, Ludwig im Anzug mit Fliege, ich im langen schwarzen Rock mit einem Pelzbolero. An unserem Tisch saß ein Gast, der im Zusammenhang mit seiner Arbeit als Manager viele Jahre in Russland gewesen war. Der entpuppte sich als wahrer Unterhaltungskünstler und zu später Stunde sangen wir sogar das berühmte russische Volkslied »Wetscherni swon«. Für uns das schönste Silvester nach Jahren! Wir haben für ein paar Stunden die Sorgen des Alltags vergessen.

In den nächsten Tagen machten wir am gefrorenen Strand schöne Spaziergänge, ich fühlte mich an der frischen Luft wie ein neuer Mensch. Das Maritim-Hotel lag direkt am Strand und hatte behindertengerechte Zimmer, von denen aus man es nur ca. 100 m weit zum Meer hatte. Und es wurde unser Feriendomizil für die nächsten Sommerurlaube.

Auf dem Rückweg nach Hause besuchten wir noch meine Mutter und Schwester, die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß.

Alles in allem, kann ich eine positive Bilanz zur Silvesterreise 1999 ziehen. Der Bann war gebrochen und von nun an unternahmen wir im Jahr kleinere Kurzfahrten mit Übernachtung und im Sommer fuhren wir immer nach Heringsdorf. Jetzt aber schon drei Jahre nicht mehr, weil es mit dem Rollstuhl zu beschwerlich ist. Wehmütig sah ich mir die Berichterstattung von der Fußball-EM 2012 aus Heringsdorf mit Oli Kahn an. Dort konnte man im Hintergrund immer die Seebrücke sehen, auf der wir viel spazieren waren und auch die Dachspitzen von unserem geliebten Hotel. Ob wir dort jemals nochmal hinkommen? Das steht in den Sternen …

 

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