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Wir holen Ludwig nach Hause

Jetzt erstmal etwas ganz anderes. Manchmal frage ich mich und auch viele andere fragen uns, wie schafft ihr das bloß, alles unter einen Hut zu bringen. Es gibt da einige Thesen, die habe ich mal in einem Buch gefunden. Sie haben mich so fasziniert, dass ich Dirk gebeten habe, sie zu gestalten und auszudrucken. Sie stammen aus der St. Paul’s Kirche Baltimore und sind aus 1692. Dirk hat sich der Sache angenommen, wir haben sie gerahmt und nun hängen sie auf einem Ehrenplatz über dem Schreibtisch und sind für mich so eine Art von Lebensmaxime geworden. Immer wenn es mir mal richtig schlecht geht, lese ich sie, wieviel Weisheit steckt doch da drin und man kann sich wirklich Kraft holen.

Nun zurück zu unserem Vorhaben, Ludwig nach Hause zu holen. Am Samstag, dem 17. April 2010, kam Dirk zu Besuch nach Grundbach. Das Wetter war einigermaßen und so luden wir Ludwig in den Rollstuhl und machten einen Spaziergang. Dirk hat natürlich mehr Kraft als ich und so konnten wir mal richtig den Berg hinunter und nach Grundbach hinein laufen. Und gingen dann Kaffee trinken. Für Ludwig hatte ich sein Trinkglas und einige Tücher zum Putzen mitgenommen. Ihm ging es ganz gut und Dirk, der ihn ja schon eine Weile nicht gesehen hatte, das letzte Mal in Georgenstadt, meinte, er sieht schon viel besser aus. Ja, das schon. Aber therapeutisch gesehen war eben noch nicht viel passiert, was mich sehr wurmte. Ludwig, was meinst du, wir holen dich nach Hause, so bald als möglich und warten nicht ab, bis du entlassen wirst, fragten wir ihn. Er strahlte, na klar, so schnell wie möglich, denn wenn ich nicht täglich um die Mittagszeit auf der Matte stehen würde, hätte die Langeweile für ihn keine Grenzen.

Also checkten wir Drei alles durch, was wir brauchten. Dusche war fertig. Therapeuten sind bestellt und »Gewehr bei Fuß«. Pflegedienst muss noch detailliert abgesprochen werden, wird klappen. Wir brauchen einen Rollstuhl und einen Duschstuhl, müssen wir mit der Krankenkasse klären. Auf der Arbeit muss ich beim Personalbüro vorstellig werden, um meine Arbeitszeit offiziell zu ändern. Ich muss mittags nach Hause. Da ich ja in Altersteilzeit war und jede Änderung des Vertrages ein sogenannter »Störfall« ist, musste ich auf das Verständnis der Personalleitung hoffen. Also, packen wir es an!

Ludwig hatte zwei Stück Torte verputzt, nach wie vor sein Lieblingsgebäck und ihm ging es den Umständen entsprechend gut. Als wir auf der Station angekommen waren, meldete ich mich für Montag, den 19. April 2010, für ein Angehörigengespräch bei Herrn Dr. Reiter an. Es sei dringend. Zum Glück hatte er in der kommenden Woche auch Frühdienst und es würde wohl möglich sein. Dann verabschiedete sich Dirk und fuhr wieder nach Hause. Mal sehen, ob wir den Papi »raushauen« können, sagte er zum Abschied, viel Glück! Das brauchen wir und zwar immer.

Nachdem ich Ludwig sein Abendbrot verabreicht hatte und er wohlbehalten in seinem Bett lag, fuhr auch ich nach Hause. Ich hatte es auf einmal sehr eilig, denn ich musste die Türen ausmessen, ob der Rollstuhl durchpasst. Er würde durchpassen, nur die Badtür war etwas eng, aber es würde gehen. Es muss ein sehr leichter Rollstuhl sein, den man auch zusammenklappen kann, um ihn im Auto zu transportieren. Da müsste ich mich mit den Therapeuten beraten.

Am Montag früh meldete ich mich in der Personalleitung an und bekam auch gleich um 10.00 Uhr einen Termin. Ich schilderte unsere Situation und die Personalchefin hatte Verständnis für meine Lage. Es gibt da eine Lösung, ohne dass wir den Altersteilzeitvertrag beschädigen, meinte sie. Die passive Phase beginnt im März 2011. Alles, was bis dahin an Minusstunden aufgelaufen ist, müssen Sie abarbeiten. Ihr Gleitzeitkonto wird dann so eingestellt, dass mit jedem Tag die Minusstunden abgebaut werden. Die passive Phase würde somit erst im Juni 2011 beginnen, obwohl sie offiziell im März anfängt. Ich willigte sofort ein, das war eine gute Lösung und bedankte mich.

Nun noch der Pflegedienst. Wir brauchen eine Kombination aus Betreuungsleistungen und Pflege. Ludwig kann nicht allein bleiben. Es muss durchgängig jemand da sein. Hier machte sich unsere bereits langjährige Zusammenarbeit wirklich bezahlt. Wir einigten uns, dass ich weiterhin um 5.30 Uhr das Haus verlasse und Ludwig noch bis 7.30 Uhr schläft. Dann übernimmt der Pflegedienst, Frühstücken, dann kommen an vier Tagen der Woche früh um 10.00 Uhr die Therapeuten, dann Mittagessen, Zähneputzen, Mittagsschlaf im Bett. Wenn er im Bett liegt, kann der Pflegedienst gehen und um 12.30 Uhr komme ich nach Hause. Außerdem kommt Maria dienstags und donnerstags um 10.00 Uhr und kann den Therapeuten und dem Pflegedienst zur Hand gehen.

Alles sozusagen in »trockenen« Tüchern. Ausgerüstet mit diesem Konzept sah ich der Besprechung mit Herrn Dr. Reiter optimistisch entgegen und hoffte, er würde einer kurzfristigen Entlassung von Ludwig zustimmen.

Nach der Arbeit fuhr ich sofort nach Grundbach, der Termin mit dem Doktor war um 13.00 Uhr, noch bevor ich Ludwig sein Mittagessen verabreichen würde. Der Herr Doktor kam zu uns ins Zimmer und ich trug mein Anliegen vor. Ich weiß noch ganz genau, was ich damals gesagt habe, nämlich: Bitte geben Sie ihn mir nach Hause, wir werden ihn gut versorgen. Der Doktor runzelte die Stirn und meinte, schaffen sie das denn auch, Sie gehen doch arbeiten. Ich präsentierte stolz mein Konzept, ich hatte an alles gedacht. Ja, wenn das so ist …

Und wir einigten uns auf den 23. April 2010, also am kommenden Freitag, als Entlassungstermin. Super, das ist auch noch Dirks Geburtstag. Da kommt er sowieso zu uns. Besser kann es gar nicht sein. Und Ludwig war überglücklich. Ich sehe heute noch sein Gesicht vor mir und wie seine Augen gestrahlt haben, es war die wahre Freude.

Am nächsten Tag hatte ich einen Termin mit Ludwigs Krankengymnastin wegen des Rollstuhls. Wir suchten einen aus, auch einen Duschstuhl. Dann schlug sie mir noch einen sog. Pflegebetteinsatz für ein normales Ehebett vor. Das ist ein Rahmen, der in das Bett kommt und man kann mit einem Motor Kopf- und Fußteil verstellen, auch kann man es höher fahren, um rückenschonend zu arbeiten. Brauchen wir das wirklich, fragte ich. Es erleichtert Ihnen und dem Pflegepersonal auf jeden Fall die Arbeit. Für mich war das ein Fremdkörper in unserem Schlafzimmer, aber ich dachte auch an Beate und die anderen Pflegekräfte. Hätte ja sein können, dass sie sich so ein Bett wünschten. Und dann hätte ich es wenigstens schon … Na gut, wieder ein Abstrich vom gewohnten Leben … Was muss, da muss.

Jedenfalls würde sie die drei Dinge sofort bestellen, dass alles pünktlich da ist, wenn Ludwig nach Hause kommt. Da bin ich aber gespannt, meinte ich, wir haben ja nur noch drei Tage.

Aber man wird es nicht glauben und hier gilt mein besonderer und ausdrücklicher Dank der Krankenkasse und dem beteiligtem Sanitätshaus. In den nächsten Tagen kamen die Sachen fast im Minutentakt an, sogar der Pflegebetteinlegerahmen wurde pünktlich geliefert. Beispiellos und so etwas hat es dann auch nie wieder gegeben. Nun konnte Ludwig kommen! Nach nunmehr wiederum zwei Monaten Aufenthalt in der Klinik, freute er sich sehr auf sein Zuhause. Und ich bekam etwas Angst vor meiner eigenen Courage. Würde alles gut gehen?

 

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