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Am 29.09.1995 vor nunmehr 20 Jahren,  kam Ludwig von einer Dienstfahrt nicht Nachhause. Nachdem wir die ganze Nacht vergeblich auf seine Rückkehr gewartet hatten, erhielten wir am Morgen des nächsten Tages einen Anruf aus der Neurologischen Klinik Georgenstadt. Ludwig hatte während der Fahrt im ICE mehrere Hirninfarkte erlitten und lag im Koma. Unser Leben änderte sich damit von jetzt auf gleich. Hier ein Kapitel aus unserem Buch…

Am 27. September 1995 fuhr Ludwig nach Marienwald. Das Seminar sollte bis zum 29. September 1995 gehen. Dies war ein Freitag und Ludwig sollte mit dem ICE nach Seestadt kommen. Wir wollten dann am Samstag mit ein paar weiteren Einrichtungsgegenständen nach Dorftal fahren und das Wochenende dort verbringen. Auf dem Plan stand, Lampen zu installieren. Ludwig hatte uns telefonisch mitgeteilt, dass er gegen 20.00 Uhr in Seestadt Hbf eintreffen würde. Das Seminar hatte ihm sehr gut gefallen. Ein weiterer Termin war im Oktober eingeplant. Jedoch Ludwig kam nicht nach Hause. Der ICE hätte schon lange da sein müssen und mit der Straßenbahn waren es 30 Minuten zu unserer Wohnung. Um 22.00 Uhr machte ich mir allmählich doch Sorgen und wartete auf einen aufklärenden Anruf. Aber nichts kam. So verging die Nacht, ich lag stundenlang auf der Lauer, aber kein Schlüssel drehte sich im Schloss. Gegen 8.00 Uhr am Samstag früh klingelte das Telefon. Endlich, dachte ich, meldet er sich. Es meldete sich aber nicht Ludwig. Den Wortlaut habe ich noch ganz genau im Gedächtnis: »Guten Tag, hier ist die neurologische Intensivstation der Städtischen Kliniken Georgenstadt, spreche ich mit Frau Carla Pohl?« »Ja« sagte ich. »Ist Herr Ludwig Pohl Ihr Ehemann?« Schon ahnend, was nun kommen würde, bejahte ich wiederum. »Ihr Mann liegt bei uns auf der Intensivstation mit Verdacht auf Hirninfarkt. Er ist nicht bei Bewusstsein.« Ich glaube das Einzige was ich herausbringen konnte, war, dass ich gefragt habe, ob ich ihn besuchen darf. Ja, das dürfte ich. Nun folgte noch die Wegbeschreibung.

In dem Moment konnte ich erstmal gar nichts denken. Nur, dass ich mir ständig vornahm, nicht zu weinen. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht sollte das ein Beweis von Stärke mir selbst gegenüber sein.

Über unserem Telefon, das im Korridor auf einer Anrichte stand, hing ein Spiegel. Ich schaute mich im Spiegel an und sagte mir: So, Frau Pohl, nun sieh mal zu. Nicht wissend, was mich in Georgenstadt erwarten würde.

Für Dirk, der an diesem Morgen schon in seiner Werbeagentur jobben war, legte ich einen Zettel auf die Tastatur, dass der Papi auf der neurologischen Intensivstation der Städtischen Klinik in Georgenstadt liegt. Ich kam nicht mal auf die Idee, ihn anzurufen. Handys waren 1995 auch noch nicht verbreitet. Und irgendwie kam mir das auch nicht in den Sinn. Ich wollte nur schnell los.

Ich packte ein paar Sachen zusammen und flitzte kurz in den Blumenladen um die Ecke. Hier holten Ludwig und ich uns häufig einen schönen Blumenstrauß. Den durfte ich mir immer aussuchen. Die Verkäuferin wunderte sich, dass mein Mann nicht mit war. Ich berichtete von dem Anruf und sie wünschte mir alles Gute und vor allem Kraft.

Ich machte mich auf den Weg nach Georgenstadt. Von Seestadt nach Georgenstadt sind es 170 km zu fahren. Während der Fahrt gingen mir viele Dinge durch den Kopf. Von wegen stark sein. Ich hatte sehr große Angst vor dem, was mich in der Klinik erwarten würde. Und dann noch das Fahren mit dem Auto durch eine mir nicht bekannte Stadt. Das alleine war schon eine Herausforderung. So kam es dann auch. Ich kurvte in Georgenstadt ganz schön herum, bis ich die Klinik gefunden hatte. Und dann das Problem mit dem Parken. Ich musste wohl oder übel in das Parkhaus rein. Ich nahm meinen Blumenstrauß und machte mich auf den Weg zur neurologischen Intensivstation. Es war alles ausgeschildert und nicht zu verfehlen. Mein Herz klopfte bis zum Hals und mir war sehr schlecht in Erwartung dessen, was ich gleich sehen würde.

Ankunft in der neurologischen Intensivstation

Da stand ich nun vor einer verschlossenen Tür an der stand »Neurologische Intensivstation der Städtischen Kliniken Georgenstadt, Betreten verboten. Besucher bitte klingeln.«

Ich holte nochmal tief Luft und klingelte. Ich stellte mich als Carla Pohl, Ehefrau von Ludwig Pohl, vor. Ich musste einen grünen Kittel anziehen, die Blumen durfte ich nicht mit hinein nehmen. Dann wurde ich zu Ludwig geführt.

Er lag da, als ob er nur schläft, rosig im Gesicht und eigentlich sah er gar nicht krank aus. Aber doch irgendwie verletzlich. Er hatte eine Sonde in der Nase für künstliche Beatmung und künstliche Ernährung. Die Zunge war mit einem Gummistopfen fixiert. Wenn die Zunge unkontrolliert in den Rachen rutscht, kann es zum Ersticken kommen. Sein rechter Arm war am Bett festgebunden. Die Apparaturen am Kopfende erinnerten mich an Szenen, welche man oft in Arztfilmen sieht. Nun hatte ich die Wirklichkeit. Ständig piepte etwas, man sah auf den Monitoren auf- und absteigende Kurven, die Herztöne konnte man auch hören.

Ludwig lag im Koma und wurde künstlich beatmet. Ein Arzt, mit dem ich hätte sprechen können, war nicht da, aber es hieß, er würde in einer Stunde zu mir kommen. Ludwig bewegte sich ständig, insbesondere hob er andauernd das rechte Bein und den rechten Arm an. Da der aber fixiert war, ging das nicht und es wirkte auf mich sehr beklemmend. Ich durfte mich auf einen Stuhl am Bett setzen. Ich saß und betrachtete ihn und wartete auf das angekündigte Gespräch mit dem Arzt. Was sollte ich auch sonst machen … Mir war sehr elend zu Mute und ich hatte große Angst vor dem, was der Arzt mir mitteilen würde. Eigentlich war meine damalige Unerfahrenheit mein größtes Glück. Hätte ich in diesem Moment schon gewusst, dass nun unser gewohntes Leben vorbei ist und was uns alles erwartete, ich glaube, ich wäre wohl selbst zusammengebrochen.

Dann kam die Ärztin, Frau Dr. Schmieder. Sie setzte sich zu mir und informierte mich über den Stand der Dinge. Im Übrigen war das Gespräch mit dieser Ärztin das längste und ausführlichste, was ich in all den Jahren mit Klinikärzten führen würde. Meist waren die Ärzte »auf der Flucht« vor uns. Nie hatten sie Zeit.

Ja und das war mit Ludwig passiert: Auf der Rückfahrt von seinem Seminar in Marienwald ist er im ICE zwischen Windhorst und Georgenstadt im Abteil zusammengebrochen. Was sich damals in diesem Abteil genau abgespielt hat, werden wir wohl nie erfahren. Es ist nur bekannt, dass ihm ein mitreisender Arzt eine Spritze gegeben haben soll. Was für eine, keine Ahnung. Als der Zug in Georgenstadt eintraf, wurde er mit Blaulicht zur Neurologischen Intensivstation der Städtischen Kliniken Georgenstadt gebracht. Die Untersuchungen haben ergeben, dass im Kopf mehrere Gefäße gleichzeitig aufgeplatzt sind und das Blut ins Gehirn geronnen ist.

Die Fachtermini lauteten:

… Hämorrhagisch transformierter, nahezu kompletter Mediainfarkt rechts sowie ebenfalls hämorrhagisch transformierte Infarkte im vorderen Grenzstromgebiet der A. cerebri media links sowie im Bereich der A. cerebri posterior links. Rezidivierende synkopale Zustände im Rahmen einer orthostatischen Dysregulation.

Zunächst beginnende, später deutliche Demarkierung eines fast kompletten Hirninfarktes im Mediastromgebiet re. Und eines Territorialinfarktes im hinteren Stromgebiet der Arteria cerebri posterior. Beide Hirninfarkte dehnen sich weit nach occipital aus und betreffen möglicherweise auch einen Teil des Stromgebietes der Arteria cerebri postrior. Teilweise blutige Inbibierung. Mäßige Kompression der Seitenventrikel. Im Angio-CT Abbruch der Arteria cerebri media II., Arteria cerebri posterior bds. schwach durchflossen. Das venöse System ist durchgängig.

Zwischen Windhorst und Georgenstadt liegen 40 Fahrminuten mit dem ICE. Wie man weiß, ist gerade in solchen Fällen schnelle Hilfe in den ersten Minuten wichtig. Da dies nicht möglich war, hatte das Blut Zeit sich ungehindert im Gehirn auszubreiten. Es konnte keine Ursache für das Platzen der Gefäße ermittelt werden. Ludwig hatte keinerlei Risikofaktoren, kein Übergewicht, hat nie geraucht. Alle sonstigen Werte und Organe waren unauffällig.

Die Ärztin sagte, dass mit Lähmungen, insbesondere der linken Körperhälfte zu rechnen ist. Außerdem ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Sprachzentrum sowie Schlucken und Essen in Mitleidenschaft gezogen. Konkret könnte man dies aber erst sehen, wenn er aus dem Koma zurückkommt. Es stünde außerordentlich ernst um Ludwig und es könnte auch sein, dass er nicht mehr aufwacht … Er war damals 52 Jahre alt, ich 48.

Aus heutiger Sicht habe ich diese Informationen erstmal emotionslos ent­gegengenommen. Was sollte ich denn auch machen. In meiner damals »einfach gestrickten« Phantasie war für mich klar, dass Ludwig wieder aufwacht und er dann auch wieder gesund

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