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Nachdem Ludwigs Gehen ab 2003 immer unsicherer wurde, entschloss ich mich in 2006 , nachdem er schwer gestürzt war, sehr kurzfristig, meine Arbeit aufzugeben. Schweren Herzens reichte ich die Kündigung ein. Was da alles dranhing , habe ich im Kapitel „Ich reiche meine Kündigung ein“ geschildert. Ein Jahr lang war ich dann zuhause. Nachdem es zuhause mit Einbindung des Pflegedienstes besser ging, nahm ich nach einem Jahr meine Arbeit wieder auf…..worüber ich sehr glücklich war. Allerdings musste ich eine andere Tätigkeit annehmen. Hier nun das Kapitel:

Ich reiche meine Kündigung ein

Am nächsten Tag, als Frau Gerber zur Arbeit kam, ging ich sofort zu ihr, um das Nötige abzusprechen. Meine E-Mail hatte sie erhalten, denn sie war immer bis spät abends im Büro.

Als erstes entschuldigte ich mich bei ihr, dass ich sie einfach so sitzen lassen müsste, aber ich hatte keine andere Wahl. Sie war natürlich niedergeschmettert, denn auf die Schnelle einen Vertreter festzulegen bzw. einen, der meine Arbeit übernehmen würde, wird schwierig. Und das in einer Auftragshochphase!

Sie schlug mir Arbeitszeitmodelle vor, beispielsweise noch früher anzufangen oder abends noch mal reinzukommen, wenn mein Mann versorgt ist. Ich wollte und konnte nichts von dem allem annehmen, ich war fix und fertig. Mir kamen auch schon wieder die Tränen. Frau Gerber kamen auch die Tränen und wir meldeten uns dann schlussendlich bei Herrn Schadewald an. Er hatte Verständnis für mich und meine Situation und war einverstanden, dass ich bei Wahrung der Kündigungsfrist von 14 Tagen die Firma verlassen würde. Er betonte ausdrücklich, dass ich jederzeit wieder eingestellt werden könnte, falls sich eine Verbesserung von Ludwigs Zustand einstellen würde. Das nahm ich dankbar an, obwohl ich zur Zeit keine Möglichkeiten sah. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Da habe ich schon viel Überraschungen erlebt.

Und Herr Schadewald würde mir mein für mich reserviertes Bild zum Abschied schenken, so war es ja ausgemacht. Vielen herzlichen Dank, sagte ich, da habe ich ein wunderbares Andenken an Sie und ABX. Als wir von Herrn Schadewald zurückkamen, besprach ich dann mit Frau Gerber die Details.

Ich würde also bis zu einem Zeitpunkt X, den wir noch vereinbaren werden, nachdem ich schon zu Hause bin, von 6.00 bis 9.00 Uhr zur Arbeit kommen. Ca. vier Wochen lang. Ich verzichtete von mir aus auf Gehalt. Sozusagen als »Schmerzensgeld«, weil ich fluchtartig gegangen bin. Gut erstmal soweit, Frau Gerber muss jetzt einen Vertreter organisieren, dann sehen wir weiter.

Ich sollte morgen, am 16. Mai 2006, bei der Agentur für Arbeit in Grundbach meine Unterlagen abgeben. Und zwar den schriftlichen Antrag auf ALG und die Bescheinigung von ABX, dass es für meine Weiterbeschäftigung im Zusammenhang mit der Pflege meines Ehemannes keine Möglichkeiten gibt. Die Bescheinigung war, wie gesagt, ziemlich lapidar und ich hoffte, dass sie vor den Augen der Agentur Gnade finden würde.

So fuhr ich also zu dem so ziemlich folgenschwersten Termin meines Lebens gegen 10.00 Uhr los. Ludwig befand sich in der Obhut des Pflegedienstes. Im Übrigen war er total dagegen, dass ich wegen ihm nicht mehr arbeiten gehen wollte und er drückte das sehr gestenreich aus, z. B., indem er mir einen Vogel zeigte. Du hast gut reden, wie sonst soll ich denn alles in den Griff kriegen, ich habe doch keine andere Wahl! Er zuckte nur die Schultern und war eingeschnappt. Was ich sehr wohl verstehen konnte, denn immerhin beendete ich mein aktives Berufsleben und er fühlte sich dafür verantwortlich.

Der Weg nach Grundbach führt durch Felder und Wälder im schönen Hessen, es geht bergauf und bergab und man hat einen tollen Blick auf Grundbach, das im Tal liegt. Die Windräder, die es hier gibt, verschandeln nicht eigentlich die Landschaft, sie fügen sich harmonisch in die Umgebung ein.

Normalerweise fuhren wir die Strecke sehr gerne, aber heute hatte ich dafür überhaupt keinen Blick. Ich bekam Bauchschmerzen, weil ich nur an das dachte, was mir gleich bevorstehen würde. Hatte ich denn alles richtig gemacht, gibt es denn wirklich keine andere Möglichkeit – noch kann ich zurück, ich bräuchte nur umzudrehen … Ich war auf einmal von Selbstzweifeln zerfressen. Nun werde ich nie wieder arbeiten gehen, immer nur zu Hause sein und meinen Pflegejob ausführen. Und die Bescheinigung, ist die in Ordnung? Tränen kamen mir auch wieder. Ich fühlte mich einsam und allein. Auf jeden Fall musste ich mal in den Wald, denn die Bauchschmerzen entpuppten sich als Anzeichen von Durchfall. An der nächstmöglichen Haltegelegenheit parkte ich das Auto und schlug mich in die Büsche. Zum Glück hatte ich im Handschuhfach jede Menge Servietten, die brauchte ich immer für Ludwig, um ihm während der Fahrt den Speichel abzuwischen. Als ich gerade wieder zum Auto gehen wollte, raschelte es hinter mir und ich erschrak, weil ich dachte, hoffentlich kommt jetzt nicht noch ein Wildschwein, das würde mir in meiner Situation noch fehlen!

Aber es war viel schlimmer. Es war eine schöne weiße Katze. Anstelle der Augen hatte sie blutige Löcher. Irgendein Tierquäler muss ihr die Augen ausgestochen haben! Wie furchtbar, sie tat mir so schrecklich leid, aber ich konnte ihr nicht helfen. Wie denn? Nun wurde mir schlecht und ich musste mich auch noch erbrechen. Mit weichen Knien wankte ich zurück zum Auto, die Katze lief weiter. Das werde ich nie vergessen und später machte ich mir Vorwürfe, dass ich die Katze nicht in ein Tierheim gebracht habe. In diesem Fall hätte ich meinen Termin nicht wahrnehmen können. Vielleicht war das ja auch ein Zeichen? Hätte ich sie ins Tierheim gebracht, so wäre eventuell nochmal Zeit zum Nachdenken gewesen und wer weiß, eventuell wäre meine Entscheidung anders ausgefallen.

Nun fuhr ich den letzten Streckenabschnitt nach Grundbach, war verheult, wahrscheinlich kreidebleich, schlecht war mir immer noch und meine Knie schlackerten auch noch. Als erstes machte ich mich auf der Toilette frisch. Die Unterlagen sollte ich einfach an der Rezeption abgeben. Das war mir zu anonym und ich hatte vor, Herrn Klassen diese persönlich auszuhändigen. Auch wollte ich, dass er sich die Bescheinigung von ABX ansieht, nicht, dass es hinterher heißt, die ist so nicht in Ordnung. Aber Herr Klassen war nicht frei, er hatte einen Kunden, hieß es. Na, dann werde ich warten. Wie Sie wollen, aber dann ist Mittag. Ist mir egal, ich warte, bis die Pause vorbei ist. Ich setzte mich auf eine Bank, von der ich die Tür zum Arbeitszimmer von Herrn Klassen im Blick hatte und harrte der Dinge und hoffte, dass Herr Klassen rauskommen möge. Mittlerweile war es tatsächlich 12.00 Uhr geworden und in der Agentur begann die Mittagspause. Es ist wirklich wahr, fast gleichzeitig öffneten sich Punkt 12.00 Uhr wie auf Kommando fast alle Türen, so ca. zwölf an der Zahl, auf dem Gang und die Beamten gingen zur Mittagspause. Kunden waren da jedenfalls nicht drin gewesen.

Ich sagte mir, so gut müssten wir es in der Wirtschaft auch mal haben, von Hektik und Stress war hier jedenfalls nicht zu spüren. Bloß die Tür, hinter der ich Herrn Klassen vermutete, ging nicht auf. Hoffentlich ist er drin? Ich bemühte mich, Gesprächsfetzen zu hören, aber ich hörte aus der Entfernung nichts und an der Tür zu lauschen, das war mir dann doch zu doof. Aber endlich, er kam heraus und ich stürzte mich auf ihn. Ich bat ihn inständig vor seiner Mittagspause kurz meine Unterlagen anzusehen, ob alles richtig ist. Ich spürte, wie er zögerte, aber mir lief allmählich auch die Zeit davon, ich musste zurück zu Ludwig, um den Pflegedienst abzulösen.

Er bat mich dann aber doch in sein Zimmer und ich atmete auf. Das war geschafft. Es war, Gott sei Dank, alles in Ordnung. Ich war unendlich erleichtert. Im Überschwang der Gefühle spendete ich 10 Euro für die Kaffeekasse. Die durfte er nicht annehmen und ich steckte den Schein unter einen Blumentopf, der auf dem Schreibtisch stand.

Meine Arbeitslosigkeit beginnt am 1. Juni 2006 und geht bis zum 30. November 2007. Dann bin ich genau 60 Jahre alt und gehe nahtlos mit Abschlägen in die Rente. Den Bewilligungsbescheid erhalte ich in den nächsten Tagen.

Das war geschafft. Nun gab es kein Zurück mehr. Fürchterliches Gefühl. Meine Rente wird natürlich nicht so rosig ausfallen, denn es hagelt ja Abschläge wegen der vorzeitigen Inanspruchnahme. Aber das verdrängte ich damals in An­betracht meiner Situation.

Ich fuhr relativ beruhigt nach Hause. An dem Parkplatz, wo ich im Wald die Katze gesehen hatte, schlug mein Herz höher und einen Moment lang überlegte ich, anzuhalten, um nachzuschauen, ob sie noch da ist. Aber ich musste schleunigst nach Hause, denn der Pflegedienst wartete schon auf Ablösung.

Am nächsten Tag reichte ich meine Kündigung bei ABX ein. Frau Gerber hatte einen Vertreter gefunden und ich arbeitete dann noch vier Wochen unentgeltlich von 6.00 bis 9.00 Uhr, um ihn einzuarbeiten. An meinem letzten Arbeitstag gab es eine tränenreichen Abschied von meinen Mitarbeitern und Kollegen, ebenso von Frau Gerber und Herrn Schadewald. Ich bekam von Herrn Schadewald mein Bild geschenkt und er erneuerte bei dieser Gelegenheit sein Angebot, dass ich jederzeit wieder zurückkommen kann. Mit Frau Gerber würde ich in Kontakt bleiben, so haben wir es ausgemacht.

Das war nun das Ende meiner Berufstätigkeit. Nun hatte ich die Zeit, die ich brauchte, um Ludwig zu pflegen.

Als erstes muss ich eine Bestandsaufnahme unserer Situation machen …

 

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