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Am 23.12.2009, einen Tag vor Heiligabend, stürzte Ludwig im Bad schwer und schlug mit dem Kopf auf den Fliesenboden. Nach einer sofortigen Untersuchung mit CT und allem Drum und Dran konnte jedoch , zum Glück , kein Hinweis auf eine Beschädigung im Gehirn gefunden werden. Aber es sollte anders kommen…Im Laufe der Zeit ging es Ludwig immer schlechter….

Hier das entsprechende Kapitel aus unserem Buch

Die Not-OP am 24. Februar 2010

Am 23. Februar 2010 hatte ich einen Tag Urlaub beantragt, denn ich wollte Ludwig in die Kurzzeitpflege begleiten. Bei der Morgentoilette, die wir zusammen mit dem Pflegedienst machten, war Ludwig gar nicht richtig ansprechbar und er bekam kaum die Augen auf. Hier stimmt doch was nicht, das können doch nicht nur die Folgen von dem Sturz sein. Anstatt sich zu erholen, geht es ihm immer schlechter, ich war halb wahnsinnig vor Sorge.

Schlussendlich hatten wir ihn dann gemeinsam angezogen und ins Wohnzimmer geführt, mehr getragen, als dass er gelaufen ist. Essen ging gar nicht. Wir setzten ihn dann aufs Sofa und da saß er dann vollkommen apathisch, hatte seinen Kopf in die Hand gestützt und reagierte nicht mehr auf Ansprache. Um 11.00 Uhr hatte ich den Krankentransport bestellt, um nach Grundbach zur Kurzzeitpflege zu fahren. Aber ich glaubte nicht, dass man mir Ludwig so abnehmen würde, denn was sollte man mit ihm anstellen, er war nach meiner Meinung kaum noch bei Bewusstsein!

Hilfe, ich hatte Angst, er stirbt mir unter meinen Augen und ich hatte nur die Panik. Ich rief deshalb nochmal unseren Hausarzt an und bat darum, sofort zu kommen, ich habe Angst, dass mein Mann stirbt. Ach, er stirbt nicht, sagte das Praxispersonal. Doch, ich habe solche große Angst, bitte sagen Sie dem Doktor, dass er kommen soll! Der Doktor kann im Moment nicht, aber wenn er frei wird, kommt er vorbei. Das reichte mir aber nicht, er sollte jetzt kommen! In meiner Angst rief ich dann auch noch unseren Neurologen an, damit er sich Ludwig anschaut. Der konnte aber auch nicht. Irgendwie fühlte ich mich total im Stich gelassen! Auch hätte zwischendurch noch einmal ein CT gemacht werden müssen. Ich werfe mir vor, dass ich nicht darauf gedrungen habe.

Jedenfalls wurde es 11.00 Uhr und der Krankentransport kam, um Ludwig zur Kurzzeitpflege abzuholen. Der reinste Hohn, so, wie er bestellt war. Das sagten auch die Pfleger, aber die Maschinerie war am Laufen und der Fahrauftrag wurde ausgeführt. Also muteten wir dem armen Ludwig auch noch die Holperfahrt, es war ja Februar und glatt, nach Grundbach zu.

In Grundbach wurde Ludwig mit der Trage dann zu seinem künftigen Zimmer gebracht, ich ging mit. Ein junger Pfleger, er hieß Herr Gronemann, nahm uns in Empfang. Er war, daran kann ich mich heute noch erinnern, eine tolle sportliche Erscheinung und sah Michael Ballack sehr ähnlich. Es ist doch wirklich erstaunlich, dass man in solchen Momenten sogar noch solche, eigentlich Nebensächlichkeiten, bemerkt. Aber Herr Gronemann war dann letztendlich auch einer von denen, dem wir Ludwigs Leben zu verdanken hatten!

Er sah sich Ludwig an und versuchte, ihn anzusprechen. Ludwig reagierte kaum. Wer sind denn Ihre Ärzte, fragte er. Ich sagte die Namen und er wollte sie sprechen. Aber es war Mittwoch, mittlerweile auch Nachmittag und es war keine Sprechstunde. Niemand war zu sprechen. Dann müssen wir jetzt sofort handeln, sagte Herr Gronemann. Er telefonierte mit dem hiesigen Kreiskrankenhaus, damit Ludwig aufgenommen würde. Es ging, dann kam der Krankentransport und Ludwig wurde mal wieder mit Blaulicht und Signal dorthin gefahren. Ich fuhr mit. Dann ging alles ganz schnell. In der Notaufnahme empfingen uns ein Arzt, der hatte ganz lange graue Haare, bis auf die Schultern und eine Schwester. Beide waren sehr besorgt und der Arzt meinte, das ist was neurologisches, sofort zum CT. Da durfte ich nicht mit und musste draußen im Wartezimmer bleiben. Dies waren mal wieder die schlimmsten Minuten in meinem Leben und Assoziationen zu damals kamen in mir hoch. So hatte ich immer in und vor der Intensivstation der Städtischen Klinik Georgenstadt gesessen und gewartet, dass Ludwig aufwacht!

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Arzt zu mir, setzte sich neben mich, fasste mich um die Schultern und teilte mir den Befund mit. Ludwig hatte mehrere Hämatome im Kopf, die dafür gesorgt hatten, dass sich Sickerblut gebildet hat. Dieses drückt auf die Nervenzellen und macht, dass das Gehirn nicht mehr funktionieren kann. Die kommen bestimmt von dem Sturz vor Weihnachten. Ja, das wäre die Erklärung, sagte der Arzt.

Er muss sofort operiert werden. Ich brach in Tränen aus, denn ich wusste gleich, was Ludwig dann wieder erdulden müsste. Der Arzt tröstete mich und das habe ich ihm nicht vergessen, denn in dem Moment war ich am Boden zerstört. Ludwig würde mit dem Hubschrauber in die Neurochirurgie der Städtischen Klinik Georgenstadt geflogen und dort sofort operiert. Es werden sogenannte Entlastungsbohrungen in der Schädeldecke gemacht, die dafür sorgen, dass das Blut abfließen kann, damit das Gehirn sich wieder entspannen kann. Wir haben großes Glück gehabt, denn durch seine Vorerkrankung hatte Ludwig Hohlräume im Gehirn, die haben den Druck zunächst mal aufgenommen, bis das aber auch nicht mehr ging.

Ich durfte mich noch von Ludwig verabschieden, der sah aus, als ob er schlief, rosig und gar nicht krank. Mit dem Hubschrauber durfte ich nicht mit. Aber ich gab noch schnell einen Zettel mit, worauf ich vermerkte, dass Ludwig in 1995 bereits in den Kliniken auf Station war und man sich die Akte holen solle. Da stand ja alles drin und ich dachte, das wäre wichtig für die OP. Man gab mir noch die Telefonnummer von der Neurochirurgie, da könnte ich dann heute Abend anrufen und mich nach Ludwig erkundigen.

Es kam dann der Hubschrauber und Ludwig wurde hineingeschoben, ich durfte nur zusehen, wie er dann abflog. Die Schwester hielt mich im Arm und ich konnte mich bei ihr ausweinen. Sie tröstete mich mit den Worten, Ihr Mann hat eine gute körperliche Verfassung, ein starkes Herz und er wird es schaffen. In der Neurochirurgie ist er in den besten Händen. Dort arbeitet ein international anerkanntes Spezialistenteam und sie werden alles für Ihren Mann tun, was in ihren Kräften steht. Fahren Sie jetzt nach Hause und ruhen Sie sich ein bisschen aus. Ich nahm den Trost dankbar an. Dann nahm ich mir ein Taxi und ließ mich nach Hause bringen. Mittlerweile war es 17.00 Uhr geworden. Unsere Ärzte waren ja nicht da und so konnte ich sie nicht informieren.

Nun rief ich auf der Intensivstation an, um zu erfahren, wie es um Ludwig stand. Ich kannte das Gefühl von damals nur zu gut und mein Herz klopfte bis zum Hals, wenn ich nur ans Telefonieren dachte. Ich fühlte mich furchbar schlecht. Es hieß, Ludwig würde in der nächsten Stunde operiert werden. Man müsste abwarten. Falls etwas dringendes ist – für mich bedeutete das Dringende nur, dass Ludwig die OP nicht überstanden hatte – würde man sich melden. Ich sollte mich ausruhen, denn ich bräuchte meine Kräfte. Das konnte man wohl sagen, aber an Schlafen war nicht zu denken. Jetzt rief ich Dirk an, um ihm die schlechte Nachricht zu überbringen. Alles war wie damals. Er war entsetzt und gab der Hoffnung Ausdruck, dass – wiedermal – alles gut geht …

Mittlerweile war es Zeit zum Schlafengehen und ich musste auch ein bisschen schlafen, morgen ist wieder Arbeitstag. Ich legte mir unsere beiden Telefone neben das Kopfkissen, auf jede Seite eins. Aber es kam, zum Glück, kein Anruf. Das bedeutete für mich, dass die OP erfolgreich verlaufen war.

Um 5.00 Uhr, kurz bevor ich zur Arbeit fuhr, rief ich mit einem beklemmenden Gefühl auf der Intensivstation an, um mich zu erkundigen. Ludwig hätte die OP ganz gut überstanden und war ansprechbar. Da er ja nicht sprechen konnte, musste man sich an anderen Zeichen orientieren. Er konnte seine Gliedmaßen einigermaßen bewegen, rechts besser als links.

Ja, das ist so, sagte ich, links ist alles schlechter. Bitte grüßen sie ihn ganz lieb von Ehefrau und Sohn. Heute Nachmittag nach der Arbeit komme ich, um ihn zu besuchen.

Dann fuhr ich zur Arbeit. Die Sorge um Ludwig war mein Begleiter und ich brauchte mal wieder meine Kollegen zum Zuhören. Und immer, wenn mein Telefon klingelte, schaute ich am Liebsten nicht auf die eingeblendete Nummer. Bloß kein Anruf mit der Vorwahl von Georgenstadt!

 

 

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