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Am 26. Oktober 1995 ist Ludwig aus dem Koma aufgewacht

Der 26. Oktober 1995 war ein Donnerstag. Nach einem anstrengendem Arbeitstag fuhr ich wie immer nach Georgenstadt in die Klinik. Was würde mich heute erwarten ?

Als ich auf dem Weg vom Parkhaus auf die Intensivstation war, kam mir Kai entgegengelaufen. »Frau Pohl, jetzt aber schnell. Ihr Mann ist aufgewacht. Haben Sie die Brille?« Klar hatte ich die Brille! Die hatte ich täglich bei mir. Ich war außer mir vor Freude und ab gings zu Ludwig. Er hatte die Augen auf und konnte uns hören! Welch ein unbeschreibliches Gefühl in diesem Moment. Es ist für mich, als würde ich es jetzt nochmal erleben. Ansonsten sah Ludwig aus wie immer, eben nur mit dem Unterschied, dass er die Augen geöffnet hatte. Wir setzten ihm die Brille auf und warteten auf den Moment, dass er uns erkennt.

Aber leider, er sah überhaupt nichts. Und er konnte auch nicht sprechen. Jedoch konnte er alles hören und verstehen. Wie die Ärztin mir erklärt hatte. Der Intellekt ist ungetrübt. So tasteten wir uns mit Fragen weiter. Wir bekamen heraus, dass er sich einigermaßen gut fühlt. Er hatte keine Vorstellung, wo er war. Kai sagte ihm, dass er im ICE einige Hirninfarkte erlitten hatte und sich nun auf der Intensivstation der Städtischen Kliniken Georgenstadt befinde. Da fing er an zu weinen und wir mussten erstmal die Brille abnehmen. Mir kamen auch die Tränen, aber schnell wieder wegdrücken, Schwäche kam nicht infrage.

Dann versuchten wir rauszubekommen, ob er wenigstens etwas sieht. Wir fragten, ob er hell und dunkel sieht. Kai leuchtete ihn mit einer Taschenlampe an. Jedoch er sah gar nichts. Für ihn war es stockdunkel. So lag er also da, konnte nicht sprechen und war blind. Bewegen konnte er auf Ansprache den rechten Arm und das rechte Bein. Aber nicht direkt gezielt. Wenn wir z. B. sagten, Bein anheben, das konnte er, wenn wir sagten, jetzt mal abspreizen, das ging nicht. Mit dem Arm war es genauso. Und die Finger konnte er nicht einzeln bewegen.

Aber er war am Leben! Das war für mich im Moment das Allerwichtigste und ich konnte es gar nicht erwarten, Dirk anzurufen. Und seine Mutter. Was ich auch auf die Schnelle von der Telefonzelle in der Klinik machte. Auch sie freuten sich sehr. Abends wollte ich dann ausführlich berichten.

Nun aber schnell zurück zu Ludwig. Wenn ich seine Hand drückte, drückte er sie zurück. Es war wunderbar, das zu spüren.

Kai sagte, morgen Nachmittag würde Ludwig mobilisiert. Das Wort hatte ich bis dahin noch nicht gehört, aber ab diesem Tag lernte ich kennen, was sich dahinter verbirgt. Mobilisieren heißt, den Patienten aus seiner »Liegelage« in eine andere Position zu bringen, entweder auf eine andere Körperseite, zum Sitzen oder zum Stehen. Das Mobilisieren nahm für viele Monate und im Laufe der Jahre immer mal wieder einen festen Platz in unserem Alltag ein.

Kai beauftragte mich, für Ludwig Sportkleidung mitzubringen – ganz wichtig feste Turnschuhe.

Die wurden benötigt, um zu verhindern, dass Ludwig einen »Spitzfuß« ausbildet. Schon wieder ein neuer Begriff für mich. Kai erklärte mir, dass der Fuß durch den Schuh gehalten werden muss, weil er sonst nach unten kippt und er durch eigene bewusste Kraft nicht in seiner natürlichen Position bleibt.

Ja, da hatte ich eine neue Aufgabe. Denn Ludwig trug in seinem gesunden Leben nie Turnschuhe und einen Trainingsanzug hatte er auch nicht. In der näheren Umgebung der Klinik war kein Sportgeschäft. Also beschloss ich, morgen nach der Arbeit in Seestadt die Sachen zu besorgen.

Und nun setzten wir Ludwig den Walkman auf und es liefen wieder die Tränen als er eines seiner Lieblingslieder »In the upper Room« von Mahalia Jackson hörte. Nun konnten wir ihm wenigstens etwas Abwechslung verschaffen, indem wir ihm nach und nach seine Kassetten vorspielen würden.

Inzwischen war es auch wieder Zeit geworden, sich zu verabschieden. Aber heute mit einem ganz anderen Gefühl, dem Gefühl der Hoffnung, dass alles gut wird.

Ludwig war am Leben und das war wunderbar. Ich verdrängte wieder alles andere und fuhr förmlich im Walzertakt durch den Bauernwald nach Hause. Damals wurde der »Earth Song« von Michael Jackson im Radio rauf und runter gespielt und noch heute, wenn ich den höre, denke ich zurück an diese Tage.

In Dorftal angekommen, rief ich nochmal Dirk an und erstattete Bericht. Er wollte dann am Wochenende in die Klinik kommen. Auch Ludwigs Mutter und Bruder aus Oberburg würden Ludwig besuchen. Sie wollten am Samstag in die Klinik kommen und dann eine Nacht bei mir in Dorftal schlafen. Meine Schwiegermutter war auch schon sehr gespannt auf das Haus.

Meine Mutter, die in Meckpom lebt, wollte Ludwig zu einem späteren Zeitpunkt besuchen. Ich hielt sie telefonisch auf dem Laufenden.

Heute freute ich mich noch mehr auf mein Schlafbierchen und ließ diesen bedeutungsvollen Tag Revue passieren. In die Freude über Ludwigs Erwachen aus dem Koma mischten sich jetzt auch die ersten Wermutstropfen, denn er war anscheinend sehr gehandicapt. Was konnte er denn machen, ohne dass er etwas sieht, nicht sprechen und höchstwahrscheinlich überhaupt nicht laufen kann. Selber essen schon gar nicht …

Egal, er war am Leben. Diese Hürde hatten wir schon mal genommen.

Meine Aufgabe für morgen bestand in erster Linie darin, das Sportzeug zu besorgen.

Also, ab auf das Feldlager, ausruhen und morgen früh wieder auf die 170‑km-Piste nach Seestadt zur Arbeit.

Morgen wird Ludwig mobilisiert. Darauf war ich einerseits sehr gespannt und hatte andererseits auch wieder das berühmte mulmige Gefühl, was mich wohl erwarten würde.

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