Immer stark zu  sein, das hält der Stärkste nicht aus… In einer Situation wie der unsrigen gibt es Momente, in denen man sich einfach nur die Bettdecke über den Kopf ziehen möchte. In meinem Buch dokumentierte ich das in dem Kapitel „Nun muss ich einfach mal jammern“. Zum Glück gibt es Momente, wenn Ludwig herzlich lacht, und seine Augen dabei leuchten, die einen vieles vergessen lassen.

Hier das Kapitel

Nun muss ich einfach mal »jammern«

Die Rückfahrt von der Insel Usedom im neuen Jahr 2000 verlief ebenso wie die Hinfahrt mit Stopps, Schnee und allem, was dazugehört. Ludwig hatte sich tapfer geschlagen und es ist schon bewunderungswürdig, mit welchem Gleichmut er doch seine Situation erträgt …

Man darf nicht vergessen, trotz aller Rehaerfolge kann er ohne Hilfe von außen, in erster Linie durch mich, kein eigenes Leben führen. Oft sage ich mir, nachdenken darf man in so einem Job nicht weiter, aber das geht auch nicht. Man kann auch nicht sagen, dass man die Situation heldenhaft bewältigt und es trifft auch nicht zu, dass man sich in sein Schicksal ergibt, weil es doch nicht anders geht.

Ich aus meiner Sicht bin so unglücklich wie am ersten Tag, darüber kann nichts und niemand etwas ändern. Wir beide bieten dem Schicksal tapfer die Stirn und manchmal weinen wir auch und dann beschwören wir uns gegenseitig, den Kopf nicht hängen zu lassen. Auch leicht gesagt und im Moment auch getan, aber dann gibt es wieder eine Situation, wo man am Boden zerstört ist.

Der medizinische Fortschritt rettet dem Menschen das Leben und ab dann wird er so in die Obhut der Angehörigen übergeben. Bei uns ist es so, dass ich, da wir eigentlich keine große Familie sind, mit allem allein vor Ort bin. Dirk, unser Sohn, lebt und arbeitet in Seestadt und kann natürlich nicht ständig bei uns sein. Ihm gegenüber habe ich sowieso sehr oft ein schlechtes Gewissen, denn seit Ludwigs Erkrankung brauche ich all meine Kraft für ihn.

Dirk meint, er komme damit klar und wir telefonieren viel. Ich habe immer jemanden, bei dem ich mein Herz ausschütten kann. Manchmal erzähle ich schon alles doppelt und dreifach und deshalb frage ich vorher immer, ob ich das schon erzählt habe …

Unser Hausarzt sagt zu mir, ich hätte »eine zweite Person« gebildet, womit er schon irgendwie recht hat. Die erste Person, das bin eigentlich ich, um die geht es meist nicht mehr. Trifft man jemanden, dann wird immer gefragt, wie geht es denn deinem Mann. Wie es mir geht, das fragt keiner … Doch neulich hat mich einer unserer Therapeuten gefragt, ob er auch für mich etwas tun könne. Das tat mal richtig gut.

Jedenfalls ist nach Ludwigs Erkrankung nichts mehr wie es war, was in gewisser Weise ja logisch ist, wenn ein Mensch stehenden Fußes aus dem aktiven Leben gerissen wird. Nicht nur für den Betroffenen selber, sondern auch für den Ehepartner eine Katastrophe, da beißt die Maus keinen Faden ab. Und es hängt eine riesige Gesundheitsmaschinerie daran.

Krankenhäuser, Ärzte, Rehakliniken, Therapeuten, Pflegeinrichtungen, Hilfsmittelhersteller, Sanitätshäuser, alle verdienen ihr Geld mit den Kranken. Aber, wenn man etwas braucht, muss man Anträge schreiben, die erstmal abgelehnt werden, man muss kämpfen, um es zu bekommen. Anfangs weiß man überhaupt nicht, was einem zusteht, sei es auf dem Gesundheitsgebiet, der Pflege oder dem Umgang mit Behörden. Mühselig setzt man ein Mosaiksteinchen nach dem anderen zusammen, um den Kranken bestmöglich zu versorgen. Man braucht laufend Verordnungen, Gutachten, mindestens jedes Quartal einen Arztbesuch, sonst bekommt man keine Rezepte, muss ständig nachweisen, warum man es braucht.

Da fühlt man sich oft vom Leben ungerecht behandelt, warum gerade wir, sagt man sich.

Ich muss immer funktionieren, egal, wie es mir geht. Zum Glück habe ich eine stabile Gesundheit, die muss ich hüten wie einen Augapfel. Und das ist gar nicht so einfach, ich schlafe zu wenig, esse nicht regelmäßig und tue ansonsten auch nicht viel für mich. Begriffe wie »ausschlafen«, »relaxen«, »chillen« oder sonstwas in der Richtung kommen in meinem Leben nicht vor. Als ich vor kurzem doch mal krank war und eine Gürtelrose hatte, musste ich natürlich weiter arbeiten. Ich bekam ein schmerzstillendes Medikament, das enthielt Opium. Das hat mir sehr geholfen, bis ich nach 14 Tagen merkte, wie ich mit der Einnahme der Tabletten taktierte. Denn, wenn ich sie nahm, gingen nicht nur die Schmerzen weg, sondern mir ging es richtig gut, auch stimmungsmäßig. Ich ertappte mich dabei, zu überlegen, wann ich denn eine Tablette nehmen sollte, besser vor der Arbeit oder auf dem Weg nach Hause, um zu Hause fit zu sein. Und ich war froh, dass mir mein Hausarzt noch einmal welche für 14 Tage verschrieben hat. Ich hatte schon Angst, dass ich keine mehr bekomme. Als ich Dirk davon erzählte, sagte der in seiner pragmatischen Art, dass ich süchtig sei.

Schlagartig war mir klar – ich fange an, süchtig zu werden. Großer Gott, das ist es, immerhin enthielten die Tabletten ja Opium. Dann habe ich mit meinen Hausarzt darüber gesprochen und er meinte, das könnte schon sein, aber besser eine kurze Zeit abhängig zu sein, als sich in meiner Situation, arbeiten zu gehen und Ludwig zu pflegen, mit Schmerzen herumzuplagen, die einem die letzte Kraft rauben. Da hatte er auch wieder recht. Wir setzten die Tabletten langsam ab, aber ich muss sagen, dass es mir schon schwer fiel, darauf zu verzichten und ich konnte mir vorstellen, dass es ganz leicht ist, tablettenabhängig zu werden. Das ist eine ganz schöne Gratwanderung.

Genauso mit dem Gebrauch von Psychopharmaka. Für den Ernstfall, wenn es mir mal ganz schlecht gehen sollte, hatte ich von Ludwigs Neurologen in der Rehaklinik Konstanz welche verschrieben bekommen. Aber ich habe sie bis heute nicht angerührt und darauf bin ich sehr stolz. So manches Mal bin ich schon zum Nachtschrank gegangen, wo sie drin sind, aber dann habe ich mir wieder gesagt, was hilfts, im Moment tun sie vielleicht gut, aber danach ist alles wieder beim Alten.

Immer muss man stark sein, immer hat man Pflichten, es gibt keine Gnade und kein Entrinnen. Neben meiner Arbeit und der Pflege von Ludwig hängt ja alles, aber auch alles, an mir. Das Haus, der Garten, das Auto, die Steuererklärungen, die ich hasse, der Haushalt, die Behördengänge, so könnte man fortfahren, eben einfach Alles. Ich habe niemanden, mit dem ich mir die Arbeit teilen könnte und alles, was ich nicht kann, muss ich machen lassen und bezahlen.

Man verändert sich auch irgendwie. Man kann nicht mehr so unbeschwert leben, das ist vorbei und die Last der Verantwortung macht einen nachdenklicher und auch nachsichtiger gegenüber allem und jedem. Der Spruch, man muss sich mit Dingen abfinden und das Beste daraus machen, der klingt ja so ziemlich abgedroschen, aber den erfülle ich täglich und stündlich mit Leben, bzw., den muss man mit Leben füllen. Und das Beste daraus zu machen, ist auch wieder relativ, manchmal ist und bleibt das Erste das Beste.

Irgendwie lebe ich immer mit der Eingebung, dass mir etwas Schönes widerfährt. Das ist aber ganz diffus und hat noch nie konkrete Formen angenommen. Aber das hilft mir, den Alltag zu überstehen. Irgendwie rappelt man sich immer wieder auf und stellt sich den Anforderungen. Was gestern wichtig war, ist heute unwichtig, wenn man sich nur das Leben vereinfachen kann. Beispielsweise komme ich kaum noch dazu, etwas Schönes zu kochen. Ludwig bekommt sein Essen auf Rädern und ich esse, wenn ich Hunger habe, obwohl ich auch gern was kochen würde. Früher war uns das wichtig, jetzt ist es aus Zeitgründen eben unwichtig …

Diese Wichtig- und Unwichtigkeiten wechseln sich ständig ab und man glaubt gar nicht, auf was man alles verzichten kann, wenn es sein muss. Und so ist es mit vielem, immer muss man Abstriche machen und sich eine neue Philosophie zusammenbasteln, um klarzukommen. Wenn Ludwig mal herzlich lacht, das hilft mir weiter und gibt mir wieder die Kraft, die ich so brauche.

Nun höre ich mit dem Jammern auf, das »Jammerkapitel« ist zu Ende. Aber Jammern und Schwäche zeigen gehört zu so einem Job, den ich zu machen habe, dazu. Immer nur stark sein, das hält der Stärkste nicht aus.

 

 

 

Advertisements