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Es gibt Hinweise auf Ludwigs Erkrankung!

…………   Eines Tages erzählte uns meine Schwiegermutter am Telefon, dass sie in der Super-Illu, das ist eine Zeitschrift, die es damals nur  nur im Osten Deutschlands gab, einen Artikel über ehemalige Radarsoldaten gelesen hätte, die an den Spätfolgen ihrer Tätigkeit an Radaranlagen erkrankt waren und teilweise sogar gestorben sind. Sie sagte, Ludwig war doch während seiner NVA-Zeit auch als Funkmess­mechaniker tätig gewesen. Na klar, sagte ich und bei mir machte es im Kopf einen großen Klick! Ludwig hatte drei Jahre lang an den Radaranlagen gearbeitet. Bei laufendem Betrieb auch ganz nahe mit dem Kopf und Körper. Das könnte ein Hinweis auf Ludwigs Erkrankung sein! Durch die Radarstrahlen sind eventuell die Gefäße im Kopf geschädigt worden. Das sind die »Sollbruchstellen«, von denen die Ärzte gesprochen hatten. Und das würde auch erklären, dass so viele Stellen im Gehirn gleichzeitig betroffen sind. Lieber Gott, wenn das damit zusammenhängt, dann ist unser beider Leben durch so eine Fahrlässigkeit zerstört worden!

Der Sache werde ich jedenfalls auf den Grund gehen. Sie schickte uns den Artikel. Und nun kam ganz viel Arbeit auf mich zu. Um es vorwegzunehmen, bis heute im Jahre 2012 prozessieren wir immer noch. Momentan sind wir in der Berufungsphase beim Sozialgericht. Aber ich gebe nicht auf …

Die NVA-Radarsoldaten

Im Jahre 1962 wurde in der ehemaligen DDR die allgemeine Wehrpflicht ein­geführt. Die Dienstzeit dauerte 18 Monate. Ludwig hatte in diesem Jahr in Oberburg sein Abitur gemacht und wollte unbedingt Schiffbau studieren. Dieses Fachgebiet interessierte ihn schon von Kindheit an und er hat viele Schiffsmodelle selber gebaut. Einmal bekam er deswegen großen Ärger mit seiner Mutter, denn als er auf dem Wohnzimmertisch den Grundriss eines Segelschiffes mit dem Messer ausgeschnitten hat, zierte eben dieser Grundriss für immer auch den Tisch.

Leider war im Jahre 1962 die Anzahl der Studienplätze in Rodenhagen, denn nur dort gab es diese Fachrichtung, sehr begrenzt, die Fakultät befand sich im Aufbau und Ludwig wurde nicht angenommen. Etwas anderes wollte er aber nicht machen, sein Herz hing am Schiffbau. Deshalb entschloss er, sich freiwillig für drei Jahre zur NVA zu melden. Erstens gewann er dadurch Zeit und zweitens war ihm nach Ablauf der Armeezeit der Studienplatz sicher. So waren damals die Regelungen.

Und so kam es auch. Er wurde einem Flakabwehrregiment zugeteilt und dort einer kleinen Gruppe von Funkmessmechanikern. Er musste einen LKW-Führerschein machen und zusammen mit einem weiteren Kameraden reparierte und wartete er Radaranlagen im Regiment und in Standorten des Umkreises. Die Arbeit an den Radaranlagen erfolgte ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen, meist bei laufendem Betrieb. Ludwig hat mir damals in Rodenhagen, wo wir gemeinsam studierten, viel von diesen Tätigkeiten erzählt. Es gab Situationen, bei denen er mit vollem Körpereinsatz, Kopf, Händen und Füßen irgendwelche kniffligen Wartungsmaßnahmen an offenen Anlagen auszuführen hatte. Er hat es zwar schon immer geahnt, dass die Radarstrahlung gefährlich sein könnte, aber darüber wurde in der NVA nie gesprochen. Wahrscheinlich entweder bewusst nicht oder aus Unkenntnis der Sachlage. Erst im Studium, in der Fachrichtung Physik, wurde Ludwig mehr und mehr klar, in welcher Gefahr er sich damals befunden haben muss. Das Beispiel der Funkmessmechaniker wurde sogar von einem Physikprofessor in der Vorlesung angeführt. Heute wissen wir, darüber haben wir eine von Fachleuten erstellte und amtlich beglaubigte Urkunde, dass Ludwig einer mindesten 155.000-fachen Strahlendosis ausgesetzt gewesen ist, als zulässig. Damals haben wir den Dingen kaum Rechnung getragen. Ludwig fühlte sich wohl, allerdings hatte er im Laufe unserer Ehe oftmals einen Kreislaufkollaps, das deuteten wir damals immer so, erlitten. Er fiel dann einfach um, verdrehte die Augen und war für kurze Zeit weggetreten. Ich habe ihm immer die Beine hochgelegt. Dann kam er zu sich und es ging ihm wieder gut. Einen Arzt habe wir nie gerufen. Vielleicht standen diese Anfälle schon damals mit Schädigungen durch Radarstrahlen im Zusammenhang … Wer weiß.

Meine Schwiegermutter schickt uns Anfang 2004 die Ausgabe 10/2004 der Super-Illu:

Ansprüche und Tipps für Ex-Soldaten der NVA

Radar-Opfer entschädigt

Das Verteidigungsministerium hat erstmals fünf Anträge von Radarstrahlen-Geschädigten der NVA anerkannt und den Anspruch auf Versorgungsleistungen bestätigt. Hoffnung für alle ehemaligen NVA-Soldaten, die wegen ihrer Arbeit mit Radartechnik an Krebs, Leukämie oder Grauem Star erkrankt sind. Wer Ansprüche anmelden möchte, muss dies tun:

Formlos bei der Wehrbereichsverwaltung Ost die Versorgungsleistung beantragen. Betroffene erhalten von dort einen Fragebogen den sie ausgefüllt zurückschicken. Nach eingehender Prüfung (inklusive Gutachter) wird dann über eine Erwerbsminderung und die Höhe der Leistung entschieden.

Als ich das gelesen habe, wurde mir wirklich schwarz vor Augen, ich hatte Schweißausbrüche und weiche Knie. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Dass wir daran noch nie bei den ganzen Nachforschungen über die Herkunft von Ludwigs Erkrankung gedacht hatten! Oftmals hatten uns die Ärzte auch nach Ludwigs Berufsleben gefragt, um Anhaltspunkte zu finden. Für mich war klar, dass Ludwigs Kopfgefäße im Laufe der drei NVA-Jahre beim Einsatz an den Radaranlagen Schaden genommen hatten und dann war in 1995 der Zeitpunkt gekommen, dass sie aufgebrochen sind. Das ist die Erklärung, dass die Blutungen an mehreren Stellen gleichzeitig eingetreten sind. Noch heute, wenn ich dies hier schreibe, bin ich total aufgeregt wegen der Tatsache, wie sorglos man die Gesundheit und das Leben von jungen Menschen, Ludwig war damals 19 Jahre alt, aufs Spiel gesetzt hat. Und das der Angehörigen dazu.

Ich las Ludwig den Artikel vor und wir beschlossen einen Antrag zu stellen. Ich mache es an dieser Stelle kurz. Was nun folgte, war eine Odyssee. Den Antrag stellte ich bei der Wehrbereichsverwaltung Ost, so wie es in der Super-Illu vorgegeben war. Die haben ihn, weil Ludwig vor Mai 1990 die ehemalige DDR verlassen hatte, zur Unfallkasse des Bundes nach Wilhelmshaven geschickt. Von dort hörten wir lange nichts. Dann kam eine lapidare Ablehnung.

Ich nahm Kontakt zu der Gesellschaft zur Unterstützung Strahlengeschädigter (GZUS) auf. Von dort bekam ich den Hinweis, Widerspruch einzulegen. Was ich auch tat. Nun musste ich Berichte, Fragebögen, Beweise aller Art zusammenstellen. Ich war abends manchmal stundenlang am scannen, kopieren, schrei­ben, abheften und sortieren. Ich konnte kaum noch, denn früh um 3.00 Uhr klingelte ja der Wecker. Und dann brauchte ich Informationen von Ludwig zu seinem Dienst in 1962 – 1965 bei der NVA. Erstmal das alles herauszukriegen war eine Mammutaufgabe. Nicht, dass er sich nicht erinnern konnte, das war alles da, aber er konnte sich ja nicht artikulieren. Manchmal hatte ich die Nase so voll, dass ich aufgeben wollte. Aber die Unterstützung von der GZUS machte mir immer wieder Mut.

Sogar die Rechtsanwaltskanzlei eines prominenten Juristen, der damals in der DDR einen guten Namen hatte, war eingeschaltet gewesen. Dorthin mussten wir 200 Euro überweisen.

Nachdem ich alles zusammen hatte, es war ein beachtlicher Packen Papier und die Kopien füllen bei mir zwei Ordner, schickte ich alles nach Wilhelmshaven. Von dort hörte ich lange nichts, was mich wahnsinnig aufregte. Auf Anraten der GZUS erstellte ich ein Mahnschreiben. Und dann kam ein Brief, den ich heute noch auswendig kann. Der Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, dass Ludwig als SAZ versicherungsfrei gewesen war, weshalb er keine Ansprüche geltend machen kann und die Erkrankung nicht durch Radarstrahlen hervorgerufen worden sein kann. Anerkannt wurden damals nur Leukämie und Grauer Star. Bei der Begutachtung von Ludwigs Fall hat man geflissentlich übersehen, dass es sich um Hirnblutungen gehandelt hat und nicht um einen Schlaganfall.

Und dass er nicht versicherungsfrei gewesen war, war eindeutig aus seinem Versicherungsausweis zu entnehmen. Alles in allem eine fadenscheinige und billige Entscheidung! Ich hatte keine Kraft mehr und ließ die Sache auf sich beruhen. Hätte ich nur weitergekämpft, wenigstens einen Widerspruch ein­gelegt! Aber ich war einfach am Ende und das Tagesgeschehen zu Hause und auf der Arbeit nahmen mich so in Anspruch, dass ich keine zusätzlichen Aktivitäten mehr leisten konnte. Ich kündigte auch die Mitgliedschaft bei der GZUS.

Viele Jahre später, in 2010, fragte mich der Vorsitzende der GZUS, ob mein Mann noch lebt. Ja, er lebt noch, aber gut geht es ihm nicht, sagte ich. Er berichtete mir von Fällen, in denen auch Hirn- und andere Erkrankungen mittlerweile anerkannt würden und schlug mir vor, das Verfahren wieder aufzunehmen. Ich sagte mir, wir hätten ja nichts zu verlieren und willigte ein. Wir machten eine Feststellungsklage an das Sozialgericht. Und hatten auch einen persönlichen Anhörungstermin, bei dem ich den Vorsitzenden der GZUS zum ersten Mal persönlich kennenlernte. Er war mein Sprachrohr bei Gericht, ich sollte nichts groß sagen. Alles, was man als Laie sagt, wird gegen einen verwendet. Wieso dass, es ist doch ein Sozialgericht, das die Belange der Bürger vertritt. Ja, das sollte es eigentlich sein …, sagte der Vorsitzende. Vor kurzem, jetzt schreiben wir Juli 2012, kam ein Schreiben, dass die Klage abgelehnt wird mit der Begründung, dass ich damals keinen Widerspruch eingelegt hätte und weiterhin mit den gleichen Feststellungen, wie sie in der Ablehnung der Unfallkasse des Bundes in 2004 gestanden hatten. Hätte ich damals einen Widerspruch formuliert, wäre vielleicht alles anders gekommen. Hätte, sollte, könnte. Die Umstände waren damals eben, wie sie waren und ich grämte mich deswegen nicht mehr. Jedenfalls gehen wir jetzt in Berufung bei der nächsten Instanz.

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