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Immer wieder standen die Ärzte, egal in welcher Klinik oder Reha Ludwig gerade behandelt wurde, vor einem Rätsel, wenn es um seine Erkrankung – Hirnblutungen an verschiedenen Stellen des Gehirns gleichzeitig – ging ! Eines Tages erzählte mir meine Schwiegermutter am Telefon, dass sie in der Superillu-damals nur in Ostdeutschland erhältlich-einen Artikel über Entschädigungsforderungen ehemaliger NVA-Radarsoldaten gelesen hätte. Es machte einen ganz großen Klick bei mir….!!!! Denn Ludwig war während seiner NVA-Zeit von 1962 bis 1965 als Funkorter an Radaranlagen tätig gewesen.

Hier das entsprechende Kapitel aus unserem Buch

Es gibt Hinweise auf Ludwigs Erkrankung!

Zu Hause war der Rasen so ziemlich verbrannt und die erste Rosenblütenphase war auch vorbei. Auf mich wartete jetzt viel Arbeit. Aber das steckte ich, zumindestens die ersten Tage, locker weg, denn mein Erholungsfaktor war ganz schön hoch und ich konnte noch von dem Konstanz-Aufenthalt zehren.

Auch Ludwig ging es gut. Er war braungebrannt und wenn er so auf seinem Stammplatz in der Sofaecke saß, sah man ihm seine Behinderungen kaum an. Ein gutaussehender Mann in den Fünfzigern, ich war ein bisschen Stolz, dass ich ihn so schön aufgepäppelt hatte. Seit dem »Urknall« in 1995, so nannte ich den Beginn der Erkrankung oft für mich, waren nunmehr acht Jahre voller Schmerz, Leid, Wehmut, Freude, Traurigkeit und immer wieder Hoffnung auf Besserung vergangen. Alle Therapeuten und Ärzte bescheinigten uns immer wieder, dass in Anbetracht der Schwere der Infarkte die Therapieerfolge immens waren, nicht zuletzt, weil wir unser Schicksal so beherzt in unsere eigenen Hände genommen haben.

Das stimmt schon, denn seitdem dreht sich alles um Ludwig, wo ich gehe und stehe, denke ich an ihn und wie ich wieder was organisieren kann, was uns weiter bringt.

Am Montag, dem 20. Juli 2003, kam dann zum ersten Mal unser neuer Pflege­dienst. Ich hatte noch einen Tag Urlaub genommen, damit wir alles besprechen können. Herr Reimann, der Chef, ließ es sich nicht nehmen, persönlich zu kommen. Er brachte seine Mitarbeiterin Beate mit, die sich in erster Linie um Ludwig kümmern sollte. Sie wohnt auch in Dorftal. Wir besprachen die Einsätze. Erstens früh um 7.30 Uhr Morgentoilette mit täglich Duschen. Nach dem Duschen nahm Ludwig dann sein Frühstück ein. Das konnte er allein bewerkstelligen.

Ludwig fuhr damals täglich 80 Minuten auf seinem Trimmrad, das wir von der Krankenkasse bekommen hatten. Und zwar am Vormittag. Dazu ging er ganz allein die Holzwendeltreppe in den Keller hinunter, stieg aufs Rad, machte sich das Radio an, fuhr seine Zeit, stieg wieder ab, Radio aus, Treppe wieder hoch.

Das klingt jetzt ganz einfach, war für Ludwig aber Schwerstarbeit. Immer die Treppe hoch und runter … Er hatte einen Schutzengel. Später dann beauftragte ich Maria Grau, mit ihm die Treppen zu gehen, weil ich doch Angst hatte, dass er mal stürzt.

Und er schwitzte natürlich. Deshalb war der zweite Einsatztermin von Beate um 12.00 Uhr. Ludwig musste seine verschwitzen Sachen loswerden. Also um­ziehen. Danach machte er sich sein Mittagessen warm.

Damit stand die Pflegeplanung fest. Ich musste abends schon immer die Umziehsachen für den nächsten Tag zurechtlegen.

Mit Herrn Reimann konnte man wirklich ordentliche Geschäftsbeziehungen pflegen. Das war für mich sehr wichtig, so hatte ich einen soliden Ansprechpartner. Ich übergab sicherheitshalber noch einen Hausschlüssel, aber steckte weiterhin früh den Schlüssel ins Schloss. Das hatte Tradition und ich wollte es beibehalten. War immer die letzte Aktivität, bevor ich das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren.

Das war also geklärt. Herr Reimann versicherte mir noch, dass ich morgen ganz beruhigt zur Arbeit fahren könnte, es wird alles seinen Gang gehen. Das glaubte ich auch und war beruhigt. Außerdem vereinbarten wir, dass das Essen auf Rädern nunmehr auch von der Firma Reimann geliefert wird, so ist alles in einer Hand.

Nun waren die Arbeiten mit Maria Grau abzusprechen. Ich hatte noch nie eine Hilfe und ich musste die Kapazität wohldurchdacht einsetzen. In erster Linie ging es darum, dass Ludwig seine Ordnung hatte. Die Sache mit der Holztreppe in den Keller war mir schon lange suspekt. Wir vereinbarten täglich zwei Stunden, von 10.00 – 12.00 Uhr. Marias Aufgabe bestand darin, Ludwig in den Keller zu begleiten, ihm aufs Fahrrad zu helfen, den Schweiß abzuputzen, ihm wieder herunterzuhelfen und mit ihm die Treppe hochzugehen. Ludwig war dann nämlich immer ganz schön k.o. und seine Beine zitterten, sodass sich das Treppensteigen doch ganz schön schwierig gestaltete. Diese Tätigkeiten fielen im Übrigen in das Gebiet der sogenannten Verhinderungspflege, wofür die Pflegeversicherung einen finanziellen Beitrag leistet. Wusste ich bis dato nicht, habe ich von Herrn Reimann erfahren. Er hätte diese Leistungen auch übernommen, aber ich wollte gern Maria Grau. Sie ist sehr warmherzig und hatte Ludwig sofort ins Herz geschlossen. Sie hat selber keine Kinder und in Anbetracht seines Hilfebedarfes ist Ludwig ihr »Ersatzkind«. Sie ist nun fast zehn Jahre bei uns. Während Ludwig Fahrrad fuhr, erledigte Maria Hausarbeiten, die ich aber gesondert bezahlte. Sie putzte Fenster, saugte Staub, kümmerte sich um die Wäsche und vieles mehr. Das war für mich eine große Entlastung. Ich schrieb ihr täglich auf einen Zettel, was sie machen sollte. Den legte ich in eine Schachtel und auch das Geld mit hinzu. Wenn sie kam, war ihr erster Gang immer ins Gästezimmer, dort stand die Schachtel auf dem Schreibtisch. Die Zettel nahm sie immer mit nach Hause, um ihr Deutsch etwas aufzubessern. Sie las sie nochmal in Ruhe durch. Ja, so hat jeder seine speziellen Tricks.

Und am Dienstag, dem 21. Juli 2003, hatten wir unseren ersten KG-Termin im Therapiestützpunkt Schlossberg. Nach der Arbeit hieß es nun für mich etwas Beeilung, denn ich musste Ludwig auf einen »Außentermin« herrichten. Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber es war so, dass Ludwig sich bei seinem Mittagessen schon sehr oft bekleckert hat. So konnte wir ja nicht los. Also, erforderlichenfalls musste ich ihn umziehen, dann eventuell nochmal nachrasieren, wenn es früh nicht gut gelungen war und er musste natürlich vorher immer nochmal aufs Klo. Für das alles hatte ich genau eine Stunde Zeit. Dienstags und donnerstags stand ich deshalb künftig immer ganz schön unter Strom, damit wir ja pünktlich bei der Therapie ankommen. Und von der Arbeit musste ich superpünktlich nach Hause fahren. An diesen Tagen machte ich um die Feierabendzeit immer einen großen Bogen um das Arbeitszimmer meiner Chefin. Zu gern hätte ich geklopft, um das ein oder andere mit ihr zu besprechen. Aber meine Zeit erlaubte es einfach nicht.

Der Therapiestützpunkt in Schlossberg ist an eine große Klinik angeschlossen und mit allem ausgestattet, was man auf dem Gebiet der KG so braucht. Geräte, Bobath-Liegen, gesonderte Räumlichkeiten für Fango und Massage, ein Übungssaal, ein Schwimmbecken und eine Sauna. Wie in der Reha-Klinik auch. Bloß die Parkplatzsituation, für mich mal wieder der Horror. Meist voll. Und dann kurioserweise konnte man nur rückwärts wieder raus. Und das wenn Auto neben Auto stand. Erst das Einsteigen mit Ludwig, die Tür ging nicht mal ganz auf und dann das elende Rückwärtsfahren. Ich glaube, Ludwig hatte seine Therapien und ich lernte in der Zeit das Rückwärtsfahren …

Als wir also ankamen, wurden wir sehr freundlich von Frau Kallert begrüßt und sie machte eine Bestandsaufnahme von Ludwig. Sofort hatte er auch hier schon wieder die Sympathie auf seiner Seite, er ist aber auch wirklich, obwohl er nicht sprechen kann, ein sehr charismatischer Typ. Ich freute mich jedenfalls, dass Ludwig gut rüberkam. Das erleichterte den Umgang mit den Menschen.

Sie holte dann noch eine zweite Therapeutin, Frau Rau, dazu und es wurde beschlossen, dass Ludwig am Dienstag von Frau Kallert und am Donnerstag von Frau Rau betreut wird.

Die Übungen werden noch festgelegt. Das hätten wir dann auch geklärt. Bis 2009 fuhren wir dann wöchentlich zweimal nach Schlossberg zur Therapie. Bei Wind und Wetter, wir wollten auf keine Übung verzichten. Die Fahrten mit dem privaten PKW bekam ich von der Krankenkasse ersetzt. Davon finanzierte ich dann später immer, seitdem das möglich war, die Befreiung von der Zuzahlung.

Alle drei Neuerungen, Pflegedienst, Haushaltshilfe und Therapie für Ludwig hatten wir im Griff. Ich war zufrieden und musste mich nun aber wieder um meine Arbeit kümmern. Bei ABX war ja mittlerweile auch Urlaubszeit und es gab unendlich viel zu tun. Auf mich wurde schon gewartet und ich stürzte mich auf alles, was liegengeblieben war. Meine Chefin nahm mich in Beschlag und es hagelte Aufgaben noch und nöcher. Wir mussten eine Versuchsabteilung, in welchen Prototypen für die Kunden hergestellt werden sollten, aus dem Boden stampfen. Das einzige, was wir hatten, waren die Räumlichkeiten. Es galt jetzt, alles an Werkzeugen, Regalen, Arbeitstischen, Maschinen zu beschaffen, um arbeitsfähig zu werden. Das war meine Aufgabe und die war immens. Ich konnte wegen Ludwig nie länger bleiben. Überhaupt war mein berufliches Fortkommen durch Ludwigs Erkrankung sehr eingeschränkt. Ich konnte weder auf Dienstreise gehen, noch konnte ich Englisch lernen. Es ging von den Abläufen und meinem Zeitlimit einfach nicht. Bei späteren Umstrukturierungen habe ich das schmerzlich zu spüren bekommen. Aber dazu komme ich noch.

So wurde es Herbst, das Jahr neigte sich dem Ende und wir begannen mit der Planung für Weihnachten und Silvester. Natürlich sollte es wieder nach Bad Kissingen gehen.

Eines Tages erzählte uns meine Schwiegermutter am Telefon, dass sie in der Super-Illu, das ist eine Zeitschrift, die es nur im Osten Deutschlands gibt, einen Artikel über ehemalige Radarsoldaten gelesen hätte, die an den Spätfolgen ihrer Tätigkeit an Radaranlagen erkrankt waren und teilweise sogar gestorben sind. Sie sagte, Ludwig war doch während seiner NVA-Zeit auch als Funkmess­mechaniker tätig gewesen. Na klar, sagte ich und bei mir machte es im Kopf einen großen Klick! Ludwig hatte drei Jahre lang an den Radaranlagen gearbeitet. Bei laufendem Betrieb auch ganz nahe mit dem Kopf und Körper. Das könnte ein Hinweis auf Ludwigs Erkrankung sein! Durch die Radarstrahlen sind eventuell die Gefäße im Kopf geschädigt worden. Das sind die »Sollbruchstellen«, von denen die Ärzte gesprochen hatten. Und das würde auch erklären, dass so viele Stellen im Gehirn gleichzeitig betroffen sind. Lieber Gott, wenn das damit zusammenhängt, dann ist unser beider Leben durch so eine Fahrlässigkeit zerstört worden!

Der Sache werde ich jedenfalls auf den Grund gehen. Sie schickte uns den Artikel. Und nun kam ganz viel Arbeit auf mich zu. Um es vorwegzunehmen, bis heute im Jahre 2012 prozessieren wir immer noch. Momentan sind wir in der Berufungsphase beim Sozialgericht. Aber ich gebe nicht auf …

 

Nachtrag am 17.05.2016 : Wir haben kein Recht bekommen, selbst eine Petition an die Frau Bundeskanzlerin wurde mit warmen Worten ihres Büros abgeschmettert ! Mittlerweile wartet man auf die „biologische Lösung“. Viele ehemalige Radarsoldaten sind schon an ihrer Erkrankungen gestorben, die noch verbliebenen, zu denen  Ludwig zählt, werden auch nicht jünger….

 

 

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