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In der Rehaklinik bescherte Ludwig dem Personal nachts immer Lärm, weil er mit den Gitterstäben seines Bettes klapperte…er wurde zur Ruhe ermahnt, was aber nichts brachte…Weil ich wissen wollte, warum es immer dieses Geklapper gab, beschloss ich, eine  Nacht in seinem Zimmer zu verbringen. Die Erklärung für das Klappern war ganz simpel…….

 

Ich verbringe eine Nacht bei Ludwig im Zimmer

Das interessierte mich dann doch, was Ludwig nachts so agierte und am nächsten Tag brachte ich mir Schlafsachen mit. Und was mache ich mit meinem »Schlafbierchen«? Das mit dem Schlafbierchen hatte sich bei mir deshalb so eingebürgert, weil damit immer eine Art von Feierabend verbunden ist. Das gab es erst, wenn alle Tagesaufgaben erledigt waren. Es gab mir meist noch einen kleinen zusätzlichen Kraftimpuls, der dazu führte, dass ich zum endgültigen Tagesende die ein oder andere Arbeit noch schnell erledigte, z. B. Blumengießen, Wäsche ansetzen oder etwas anderes. Ich habe sogar mal unseren Hausarzt gefragt, ob das denn zuträglich wäre, jeden Tag Bier, aber er fand das in Ordnung, wenn es mir guttut, dann soll es so sein. Aber was mache ich heute, in der Klinik darf man keinen Alkohol trinken, ein Restaurant gab es auch nicht und eigentlich müsste ich ja auch was essen, denn immerhin war ich an diesem Tag von 3.00 Uhr früh auf den Beinen. Ich entschloss mich, mein Bierchen im Auto zu trinken.

Als ich gegen Mittag bei Ludwig ankam, fütterte ich ihn erstmal und dann musste er zum Mittagsschlaf ins Bett. Was mich auch wieder störte war, dass man ihm ein Urinkatheter gelegt hatte und der Beutel baumelte also wieder am Bein. Wie damals. Nach unserer Meinung, auch Ludwigs, sah das so, dass er sich melden konnte, wenn er Wasser lassen muss und dann wäre es mit der Urinflasche möglich gewesen. Aber das war mal wieder viel zu aufwendig für das Personal. Das regte mich tierisch auf und hemmte nach meiner Meinung Ludwigs weiteres Fortkommen.

Nach dem Mittagsschlaf dann wie immer Kaffeetrinken. Wenn ich ihn doch nur aus dem Bett holen könnte, man musste immer warten, bis jemand kam, der ihn in den Rollstuhl setzte. Immerhin konnte er mit Hilfe etwas stehen und ich glaube, ich hätte das auch hingekriegt, aber ich durfte nicht. Und dann drehten wir die obligatorische Runde an der frischen Luft, leider durch das sehr abschüssige Gelände immer nur dieselben Kreise. Bis ich mich eines Tages traute, bergab zu gehen, was auch klappte. Aber mit großer Kraftanstrengung und dann auch berghoch zurück. Ich verfluchte mal wieder, dass die Kliniken immer auf dem Berg waren.

Nach dem Abendessen, als Ludwig in seinem Bett lag, sollte das Übernachtungsabenteuer in Ludwigs Zimmer beginnen. Ich bekam, das hatten wir gestern schon besprochen, ein Gästebett, Schlafdecken und auch Kopfkissen. Ludwigs Bett rückten wir etwas von der Wand ab, sodass mein Bett zwischen Wand und sein Bett passte. Sah ganz gemütlich aus. Mir war natürlich klar, dass ich wohl kaum schlafen würde, denn ich wollte ja wissen, was Ludwig mit den Gitterstäben macht.

Nachdem wir alles hergerichtet hatten, sagte ich auf Station Bescheid, dass ich noch einen kleinen Abendspaziergang machen würde und ging zum Auto, um mein Bierchen zu trinken. Es war jetzt 19.30 Uhr und der Parkplatz war leer. Ich schob den Sitz ganz nach hinten und machte es mir bequem. Von zu Hause hatte ich mir eine Knacker und trocken Brot mitgebracht, das war zusammen mit dem Bier mein Abendbrot. Als ich so in meinem Auto saß, gingen mir einige Gedanken durch den Kopf. Was mache ich hier eigentlich, anstatt nach Hause zu fahren, sitze ich hier, trinke Bier aus der Flasche, was ich sonst nie tat, krümele das Auto voll. Aber ich sagte mir, es ist für Ludwig und ich muss rausfinden, warum er nachts solchen Lärm mit dem Bett macht. Sonst hätte es auf der Station keine Ruhe gegeben und ständig hätte ich mir das von den Nachtschwestern anhören müssen.

Nachdem ich das Auto von den Brotkrümeln befreit hatte, aber da muss sowieso ein Staubsauger her, begab ich mich auf mein provisorisches Ruhelager. Den nächsten Tag hatte ich mir Urlaub genommen, um auch die Gelegenheit zu nutzen, nochmal mit den Therapeuten zu sprechen. Ich wünschte Ludwig also eine gute Nacht. Es war Vollmond und man sah ihn schön durch das Fenster scheinen.

Die Erklärung für den Lärm mit den Gitterstäben war ganz einfach! Kaum war Ludwig eingeschlafen, begann er unruhig mit den Beinen zu schlagen. Das kannte ich von zu Hause und es machte mich manchmal so ziemlich verrückt, weil ich dann nicht wieder einschlafen konnte. Dann meckerte ich ihn immer voll, aber das half gar nichts, denn er tat es im Schlaf und merkte es selber nicht.

Jedenfalls verfing er sich mit seinen langen Beinen in den Stäben und kriegte die auch nicht heraus, wovon er dann aufwachte. Das schepperte natürlich laut, denn das Gitter war ziemlich klapprig und nicht gerade neu. Ich schlich mich aus dem Zimmer und ging zur Nachtschwester, die im Dienstzimmer saß und Schreibarbeiten erledigte. Ich bat sie, mitzukommen und sich anzusehen, was Ludwig so trieb. Sie schüttelte den Kopf und meinte, das gibt es ja nicht, darauf wäre wohl niemand gekommen. Ich dachte so bei mir, ja, wenn man hauptsächlich im Dienstzimmer sitzt und nicht in die Patientenzimmer geht, kann man das auch nicht bemerken … Behielt ich aber für mich. Der Schreibkram ist auch wichtig.

Ich zog mir dann etwas über und begleitete die Schwester in den Materialraum. Hier lagerten Matratzen, Kopfkissen und diverses Bettzubehör. Wir aber suchten nach Überzügen für die Gitterstäbe. Die sind extra dafür, dass die Patienten sich nicht verletzen können und werden über die Stäbe gestülpt. Und wir fanden doch tatsächlich welche. Noch in der Nacht, es war inzwischen 2.00 Uhr, zogen wir sie über. Und siehe da, es kehrte Ruhe ein. Ludwigs Beine blieben da, wo sie hingehörten, nämlich im Bett. Und sogar ich konnte nun noch ein paar Stunden schlafen.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, bekam ich ein Frühstück spendiert. Die Sache mit den Gitterstäben hatte schon die Runde auf Station gemacht, sogar bis zu Herrn Dr. Reiter. Der schaute kurz vorbei und meinte, so was hätte er noch nie von Angehörigen erlebt. Ich dachte mir, dass das die Nachtschwester auch herausfinden hätte können …

Mir stand nun ein ganzer Tag in der Klinik bevor, ich übernahm auch das Frühstück, dass sonst die Logopädin Ludwig gab, aber sie war dabei und wir konnten einiges besprechen. Die Magensonde war jedenfalls vom Tisch. Am Abend fuhr ich dann ziemlich geschafft, aber zufrieden, weil ich das Problem gelöst hatte, nach Hause. Morgen klingelt der Wecker wieder sehr früh, denn ich muss zur Arbeit.

 

 

 

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